Das Wahre immer wiederholen

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Und denn, man muß das Wahre immer wiederholen, weil auch der Irrthum um uns her immer wieder gepredigt wird, und zwar nicht von Einzelnen, sondern von der Masse. In Zeitungen und Enzyklopädien, auf Schulen und Universitäten, überall ist der Irrthum oben auf, und es ist ihm wohl und behaglich, im Gefühl der Majorität, die auf seiner Seite ist. – Oft lehrt man auch Wahrheit und Irrthum zugleich und hält sich an letzteren.”

Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe. Dienstag, den 16. Dezember 1828

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Worthandel

Man kann sich die Wirkung der Propheten so erklären, daß es begeisterte Leute waren, die ihren zurückgebliebenen Zeitgenossen einen neuen Begriff durch die Gewalt ihrer Redekunst suggerierten. Ihnen entsprechen ziemlich genau unsere Dichter, sofern sie sich den konservativen Mächten, gegenüberstellen und in holdem Wahnsinn eine gesteigerte Redekunst üben. Wie aber neben den großen und kleinen Propheten die ganz alltäglichen Pfaffen einhergehen, die ihr Brot verdienen, indem sie um Gedanken, die vor einigen tausend Jahren neu waren, ein verspätetes Wortgeplätscher vollführen, so stehen zu den Dichtern die meisten Journalisten, soweit sie sich nicht auf den ehrenhaften Nachrichtendienst beschränken. Nachrichten sind eine beliebte Ware, und der Handel mit ihnen nicht viel besser und nicht schlimmer als ein anderer Handel. Das journalistische Geplauder um diese Nachrichten herum jedoch ist oft nichts als eine Fälschung der Ware. Die Journalisten haben die alten Rhetoren im Worthandel abgelöst. Namentlich, wenn der Dichter aus Not zum Journalisten wird, fälscht er am gröbsten. Was er nicht niederschreiben würde um der Sache willen, was er sich schämen würde, auch nur auszusprechen, wenn er mit ebenbürtigen oder gleichgesinnten Gesellen hinter dem Bierglas sitzt, das schämt er sich nicht niederzuschreiben für den Pöbel, der sein tägliches, lauwarmes Wortbad zu nehmen liebt. Unsere Zeitungsliteratur wird so zu ihrem größten Teile gedrucktes Geschwätz, und da die meisten Menschen, Pfaffen und Bezirksredner etwa ausgenommen, beim wirklichen Schwätzen wenigstens interesselos sind, so kann man sagen, daß das gedruckte Geschwätz der geistreichen Leute noch unter dem gesprochenen Geschwätz der dummen Leute steht.

Fritz Mauthner (1849 -1923) in: Wesen der Sprache. Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band (1906)
http://www.textlog.de/18973.html

Die Zeitung verteidigen

Ich würde die Funktion der Zeitung für die moderne Öffentlichkeit gern verteidigen. Bei der Zeitung weiß ich, wer zu mir spricht. Ich weiß, wie ich zu interpretieren habe, was die Süddeutsche Zeitung mir sagt, was die Bild-Zeitung mir sagt. Im Internet weiß ich nie ganz genau, wer zu mir spricht. Und es fehlt im Internet die Funktion der Zeitung als Filter und Auswahl; es übt seinen großen Einfluss auf die öffentliche Meinung regellos und oft anonym aus, ohne Ordnung, unkontrollierbar.

Umberto Eco (*1932) im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ vom 26. 9. 2015, S. 20
(notiert vom „Perlentaucher“ http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/perlentaucher-sibylle-berg-arno-schmidt-peaches-ryan-adams-a-1054883.html)

Verlust mit hohem Preis

„Lesetexte, Listen, Tabellen, Bilder mit langen Bildtexten, all die Art von Informationen also, die man langsam und systematisch durcharbeitet, all das verliert an Bedeutung. Längst ist auch das klassische Surfen tot. Es hat davon gelebt, dass man sich quasi spielerisch und intuitiv durchs Web bewegt. Dafür hat heute keiner mehr Zeit.“ http://www.netzwelt.de/news/128221-kommentar-apps-internet-ruinieren.html

 

netzwelt_internet

Screenshot der „netzwelt“-Seite

 

Ebenso erschrocken wie in meiner Beobachtung bestätigt, lese ich in der „netzwelt“ dass eine Entwicklung, die in Printmedien seit langem zu beobachten ist, nun auch die megabunte und schnelle Welt des Internet erreicht hat. Überschrieben ist der Artikel mit „Wie Apps das Internet ruinieren.“ Immer geringer die Bereitschaft, sich mit Texten auseinanderzusetzen, die länger als 50 Zeilen sind. Ich erinnere noch Zeitungsseiten, die nur mit Text gefüllt waren – damals schon als „Bleiwüsten“ bezeichnet und verachtet. Doch der dahinter stehende Verlust an Information, an ausgewogener Meinung etc. wird nicht ohne Folgen bleiben. Dieser Verlust hat einen hohen Preis.
w.a.k.

Gedrucktes Geschwätz

Man kann sich die Wirkung der Propheten so erklären, daß es begeisterte Leute waren, die ihren zurückgebliebenen Zeitgenossen einen neuen Begriff durch die Gewalt ihrer Redekunst suggerierten. Ihnen entsprechen ziemlich genau unsere Dichter, sofern sie sich den konservativen Mächten, gegenüberstellen und in holdem Wahnsinn eine gesteigerte Redekunst üben. Wie aber neben den großen und kleinen Propheten die ganz alltäglichen Pfaffen einhergehen, die ihr Brot verdienen, indem sie um Gedanken, die vor einigen tausend Jahren neu waren, ein verspätetes Wortgeplätscher vollführen, so stehen zu den Dichtern die meisten Journalisten, soweit sie sich nicht auf den ehrenhaften Nachrichtendienst beschränken. Nachrichten sind eine beliebte Ware, und der Handel mit ihnen nicht viel besser und nicht schlimmer als ein anderer Handel. Das journalistische Geplauder um diese Nachrichten herum jedoch ist oft nichts als eine Fälschung der Ware. Die Journalisten haben die alten Rhetoren im Worthandel abgelöst. Namentlich, wenn der Dichter aus Not zum Journalisten wird, fälscht er am gröbsten. Was er nicht niederschreiben würde um der Sache willen, was er sich schämen würde, auch nur auszusprechen, wenn er mit ebenbürtigen oder gleichgesinnten Gesellen hinter dem Bierglas sitzt, das schämt er sich nicht niederzuschreiben für den Pöbel, der sein tägliches, lauwarmes Wortbad zu nehmen liebt. Unsere Zeitungsliteratur wird so zu ihrem größten Teile gedrucktes Geschwätz, und da die meisten Menschen, Pfaffen und Bezirksredner etwa ausgenommen, beim wirklichen Schwätzen wenigstens interesselos sind, so kann man sagen, daß das gedruckte Geschwätz der geistreichen Leute noch unter dem gesprochenen Geschwätz der dummen Leute steht.

Fritz Mauthner in: Wesen der Sprache. Beiträge zu einer Kritik der Sprache. Erster Band (1906)

http://www.textlog.de/18973.html