Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten

Mark Aurel / Büste in der Münchener Glyptothek / wikimedia ~ gemeinfrei

Alles ist wie durch ein heiliges Band miteinander verflochten. Nahezu nichts ist sich fremd. Alles Geschaffene ist einander beigeordnet und zielt auf die Harmonie derselben Welt. Aus allem zusammengesetzt ist eine Welt vorhanden, ein Gott, alles durchdringend, ein Körperstoff, ein Gesetz, eine Vernunft, allen vernünftigen Wesen gemein, und eine Wahrheit, sowie es auch eine Vollkommenheit für all diese verwandten, derselben Vernunft teilhaftigen Wesen gibt.

Mark Aurel (121 – 180) in: Selbstbetrachtungen. Siebentes Buch, Nr. 9

Zusammengehören

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Weil das Zusammengehören
eine Tatsache ist,
sind wir zuhause in der Welt,
ganz gleich, wo wir uns befinden mögen.

David Steindl-Rast (*1926) in: Fülle und Nichts. Die Wiedergeburt christlicher Mystik. 1986, S. 188

Unendlichkeit des Weltalls

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Erstlich gibt es für uns nach allen beliebigen Seiten
Weder nach rechts noch nach links, noch nach oben hin oder nach unten
Irgendein Ende. So hab‘ ich’s gelehrt, wie die Sache auch selber
Für sich spricht; so wird die Natur des Unendlichen deutlich.
Also muß wohl auch dies ganz unwahrscheinlich erscheinen,
Daß, da leer sich der Raum in das Unermeßliche dehnet,
Und unzählige Keime in endloser Tiefe des Weltraums
Mannigfach schwirren umher, von der ew’gen Bewegung ergriffen,
Dieser einzige Himmel entstünd‘ und ein einziger Erdkreis,
Während so viele Atome des Urstoffs außerhalb feiern!
Überdies ist die Schöpfung der Welt ein natürlicher Vorgang,
Da sich die Keime der Welt von selbst und durch Zufall begegnen.
Vielfach trieben sie völlig vergeblich und fruchtlos zusammen,
Bis sich dann endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmolzen
Und dann jedesmal wurden zum Anfang großer Gebilde,
Wie von der Erde, vom Meere, vom Himmel und lebenden Wesen.
So mußt immer aufs neue du dies mir bestätigen, daß sich
Anderswo andre Verbindung des Urstoffs bildet wie unsre
Welt, die der Äther so fest mit brünstigen Armen umklammert.

Lukrez (55 v.u.Z.) in: Über die Natur der Dinge

https://www.textlog.de/lukrez-natur-weltalls.html

Nichts ist alleinstehend in dieser Welt

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Nichts ist alleinstehend in dieser Welt. Vom Lichtpartikel führt ein Weg zur Relativität, von der Schwerkraft ein Weg zur Planckschen Konstante, vom Blatt, das der Wind vor sich hinwirbelt, zum Baum und zur Knospe, die ihn von neuem hervorbringend wird, kurz zur Dynamik des Lebens. Alles Existierende spiegelt in seiner Weise den Rhythmus einer ewigen Bewegung wider, denn das kosmische Gesetz überbrückt den Abgrund, der scheinbar das unendlich Kleine vom unendlich Großen trennt. Es enthüllt das Wirken einer allumfassenden Harmonie, die sich dem Mystiker in seiner Meditation offenbart.

Frédéric Lionel (1908 – 1999) in: Abendland. Hüter der Flamme. Remagen, o.J., S. 29

Uns zurück zur Quelle bringen

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Die „Spirale der Arbeit, die wieder verbindet“ beginnt mit Dankbarkeit, denn sie bringt den hektischen Verstand zur Ruhe. Sie bringt uns zurück zur Quelle, indem sie unser Einfühlungsvermögen und unser Vertrauen stärkt. Sie hilft uns, vollständiger präsent zu sein und öffnet den mentalen Raum, um den Schmerz zu verstehen, den wir für unsere Welt mittragen.

Joanna Macy (*1929)

Ich sehe dich in tausend Bildern

An einer Fassade in Wittenberg/ Foto: (c) wak

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Novalis / Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801) in „Geistliche Lieder“

Nur das Einfache hat Bestand

Kruzifix aus dem Mittelrhein-Gebiet um 1200 / Foto: (c) wak

Erstmals denke ich: Ich – nicht nur: man – ich könnte an ein Kreuz glauben. Es steht nicht für die Inkarnation in nur einem Menschen, es steht für die Inkarnation als ein Prinzip.

Gewöhnlich schlagen Bildhauer etwas weg, nehme ich an, so daß Späne entstehen oder Splitter. Oder sie fügen, um Formen zu schaffen, etwas hinzu, Ton zum Beispiel. Speziell ein Kreuz bedarf gewöhnlich zweier Hölzer, eines längs, eines quer, und wurde deshalb für die islamischen Mystiker zum Symbol gerade nicht für ein Göttliches, sondern für die Welt: Die vier Arme erinnerten sie daran, daß die Welt aus den vier Elementen zusammengesetzt und daher, wie die antike Wissenschaft lehrt, vergänglich ist – denn nichts Zusammengesetztes habe Bestand, nur das Einfache.

Navid Kermani in „Ungläubiges Staunen. Über das Christentum“, München 2015