Suchender und Findender werden

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…ich sprach in dieser Weise:
dass der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender
und ein Gott zu aller Zeit
und an allen Stätten
und bei allen Leuten
in allen Weisen
findender Mensch werden müßte.
Darin kann man allzeit
ohne Unterlaß zunehmen und wachsen
und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

Meister Eckhart (1260 bis 1328) in „Reden der Unterweisung“, XXII

Der Beitrag ist zuerst hier erschienen: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Mündigkeit wachsen lassen

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Unsere Zeit, die den Menschen immer mehr entmachtet, führt wie keine zuvor zur Erweckung des Sinnes für innere Freiheit. Die Zeit, die den Menschen in gottfernen Ordnungen entmündigt, bringt ihn mit innerer Not-Wendigkeit an das Tor jener inneren Erfahrungen, aus denen Mündigkeit wächst.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Überweltliches Leben in der Welt. Der Mensch im Zeichen der Ganzwerdung. Aachen 1989, S. 8

Das Jetzt ist der Samen der Zukunft

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Das Jetzt ist der Samen der Zukunft und muss von daher im Herzen und in der Seele gehalten werden, wenn er wachsen soll, wenn unsere Enkelkinder dieselben Farben im Regenbogen sehen sollen. Liebe und Sorge für die Erde und all ihre Gemeinschaften gehören dem Augenblick an, der voll gefühlt und von den Tiefen unseres Seins gelebt wird. Wenn Rumi sagt: „Kehre zur Wurzel der Wurzel deines Selbst zurück“, meint er das wahre Mysterium, welches in einem jeden von uns lebt, das uns mit der Sonne und dem Mond wie auch mit der gesamten Schöpfung verbindet.

Llewellyn Vaughan-Lee (*1953) https://goldensufi.org/g_a_Den_Augenblick_der_Liebe_leben.html

Es ist unmöglich das Glücksverlangen der Menschen ganz zu töten

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Es gibt eine chinesische Figur, meist fingerlang, aus Holz geschnitzt und zu Tausenden auf den Markt geworfen, darstellend den kleinen dicken Gott des Glücks, der sich wohlig streckt. Dieser Gott sollte, von Osten kommend, nach einem großen Krieg in die zerstörten Städte einziehen und die Menschen dazu bewegen wollen, für ihr persönliches Glück und Wohlbefinden zu kämpfen. Er sammelt Jünger verschiedener Art und zieht sich die Verfolgung der Behörden auf den Hals, als einige von ihnen zu lehren anfangen, die Bauern müssten Boden bekommen, die Arbeiter die Fabriken übernehmen, die Arbeiter- und Bauernkinder die Schulen erobern. Er wird verhaftet und zum Tod verurteilt. Und nun probieren die Henker ihre Künste an dem kleinen Glücksgott aus. Aber die Gifte, die man ihm reicht, schmecken ihm nur, der Kopf, den man ihm abhaut, wächst sofort nach, am Galgen vollführt er einen mit seiner Lustigkeit ansteckenden Tanz usw. usw. Es ist unmöglich, das Glücksverlangen der Menschen ganz zu töten.

Bertolt Brecht (1898 -1956) „Bei Durchsicht meiner ersten Stücke“ (1953/1954) in: Frühe Stücke, München 1962, S.8

Einfach da

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Siehe, inmitten des Waldes,
während der Wind in den Ästen spielt,
entfaltet sich das Blatt aus seiner Knospe,
wächst heran, grün und groß,
und ist einfach da.

Alfred Tennyson (1809 – 1892)

Es gibt einen unfehlbaren Geleiter für uns, den Weltgeist

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Es gibt einen, nur einen unfehlbaren Geleiter für uns, den Weltgeist, der uns allesamt und jeden einzelnen durchdringt, der jedem das Streben nach dem eingibt, was sein soll; jenen selben Geist, der im Baum gebietet, zur Sonne hin zu wachsen, der in der Blüte gebietet, im Herbst Samen auszustreuen, und der in uns gebietet, uns unbewußt zueinander zu drängen.

Lew Nikolajewitsch Tolstoi (1828–1910) in seiner Erzählung „Luzern“

 

 

 

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

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Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke, 20.9.1899, Berlin-Schmargendorf