Buddhistischer Lehrer im Zwielicht – Sogyal Rinpoche Quelle der Qual?

Groß aufgemacht berichtet die Süddeutsche Zeitung heute über einen buddhistischen Lehrer, der im Westen große Beachtung findet, über Sogyal Lakar, der besser unter dem Namen Sogyal Rinpoche bekannt ist und dessen „Tibetisches Buch vom Leben und vom Sterben“ weltweit Beachtung fand. Die Essenz des Artikels von Michaela Haas ist allerdings eher ernüchternd, wenn nicht erschreckend. Von sexuellem Missbrauch, Prügeln und Verschwendungssucht ist die Rede:

http://www.sueddeutsche.de/panorama/buddhismus-quelle-der-qual-1.3623511?reduced=true

Sollten die erhobenen Vorwürfe wahr sein, ist dies für einen religiösen Lehrer um so schwerwiegender. Und man muss dort wohl genau so hinsehen, wie man es bei missbräuchlichem Verhalten in christlichen oder anderen Kirchen und Religionen tun muss.

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Verhängnisvolle Prioritäten

„Das Böse wird nicht nur personal, sondern als Verhängnis in einer Welt mit zahllosen unheilvollen Gegebenheiten verstanden. In diesem Sinne wird in der Theologie der Befreiung von der „strukturellen Sünde“ gesprochen. Papst Johannes Paul II. spricht in der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ (1987) von „Strukturen der Sünde“. Er zählt dazu Egoismus, Kurzsichtigkeit, falsche politische Einschätzungen, unkluge wirtschaftliche Entscheidungen, Gier nach Profit und das Verlangen nach Macht (Nr. 36/37).“ Der Dominikaner Herbert Schlögel schrieb 1993 über jenen heute wohl vergessenen Begriff der „strukturellen Sünde“. Ich habe mich daran erinnert, als das Ende der Missbrauchsuntersuchungen zwischen Deutscher Bischofskonferenz und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen bekannt wurde.

„Sexualstraftäter im Zerrbild der Öffentlichkeit“ hatte ich 1999 mein Buch im Konkret Literatur Verlag genannt, wo ich Fakten, Hintergründe und Klarstellungen zu einem schwierigen Problemfeld dargelegt habe. Dass es bei sexueller Gewalt, die in kirchlichen Zusammenhängen geschieht, noch einmal problematischer ist, müsste eigentlich jeder wissen. Trotzdem scheint der Schutz des Systems über das Finden der Wahrheit gestellt zu werden. Das sind verhängnisvolle Prioritäten – und nah dran an struktureller Sünde.

Frauen und Sexualstraftäter

„Nachdem 2009 der niedrigste Wert seit 1993 zu verzeichnen war, waren 2010 Fälle des sexuellen Missbrauchs von Kindern (§§ 176, 176a, 176b Strafgesetz-Buch / StGB) wieder angestiegen. Der Anstieg hat sich auch im Berichtsjahr 2011 fortgesetzt (+4,9 Prozent auf 12.444 Fälle). In diesem Deliktsbereich muss nach wie vor von einem hohen Dunkelfeld ausgegangen werden.“ Die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2011 weist sie aus. Die Fälle, wo es um Gewalt gegen Kinder geht, sexuelle Gewalt. 12.444 Fälle. Jeder dieser Fälle einer zuviel. (Sexualdelikte machen übrigens – auch das ist Realität – insgesamt 0,8% sämtlicher Straftaten aus).

Bekannt ist, dass es überwiegend Täter aus dem familiären Umkreis sind, die sexuelle Gewalt gegen Kinder ausüben. Eine Deliktart, die in besonderer Weise emotional besetzt ist. Auf allen Seiten. Und die Täter sind Väter, Lebensgefährten, Brüder. Doch hier ist ein Defizit zu beklagen.

Über viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte, wurde allerdings ein Thema in diesem Zusammenhang tabuisiert: Die Frauenbewegung, deren negativer Blick auf „die“ Männer in weiten Teilen zu beobachten ist, hat sich nicht gekümmert um jene Frauen, die Frauen von Tätern oder Mütter von Tätern sind.
Weite Teile der Frauenbewegung wollten offensichtlich nicht wahrhaben, dass Frauen das System sexueller Gewalt stabilisieren können, wenn sie beispielsweise der sexuell genötigten Tochter nicht glauben, dass sie das Opfer der Gewalt des Vaters und damit ihres eigenen Mannes wurden. (Wobei allerdings auch zu sehen ist, dass sich die Situation der betroffenen Frauen mehr als schwierig darstellt. „Sie sind wie schwankendes Schilf“, sagte vor vielen Jahren eine psychiatrische Gutachterin in einem Prozess wegen sexueller Gewalt. Die Situation ist komplex in der Zerrissenheit zu der Loyalität ihrem Mann gegenüber und dem Vertrauen dem Kind gegenüber).

Aber wäre das nicht mal ein Thema, darüber zu reden, wie die Frauenbewegung Frauen hier helfen kann?

Quelle: http://www.bmi.bund.de/SharedDocs/Downloads/DE/Broschueren/2012/PKS2011.html?nn=109628

Siehe auch: Werner Krebber, Sexualstraftäter im Zerrbild der Öffentlichkeit. Fakten Hintergründe Klarstellungen. 128 Seiten. EUR 12.50. Konkret Literatur Verlag, Hamburg, ISBN 978-3-89458-177-0

http://www.konkret-verlage.de/klv/

Sexualstraftäter und Öffentlichkeit

Sexuelle Übergriffe von Prominenten, Sexualmorde an Kindern, Kinderpornografie, sexueller Missbrauch, Sextourismus – die Öffentlichkeit ist wie elektrisiert, wenn es um die Schwächsten in der Gesellschaft geht. Das bleibt nicht ohne Folgen. Durch die Häufigkeit und Fülle der Berichte entsteht der fatale Eindruck, Sexualstraftaten hätten gewaltig zugenommen. Doch die bekannt gewordenen Zahlen zeichnen ein völlig anderes Bild: Das Interesse der Öffentlichkeit ist millionenfach größer als die Zahl der Delikte.

Die mediale Begleitung des Falles Kachelmann hat gezeigt, wie sehr Medien und Justiz in einem Spannungsbogen gefangen sind.

Mehr hier:

Werner Krebber

Sexualstraftäter im Zerrbild
der Öffentlichkeit

Fakten – Hintergründe – Klarstellungen

Vorwort
Dr. Vera Schumann, Lippstadt-Eickelborn
126 Seiten. Konkret-Literatur Verlag,
Hamburg 1999, EUR 12,50,
ISBN 978-3-89458-177-0

http://www.konkret-verlage.de/klv/books/intern.php?para=3-89458-177-8

Stimmen zu dem Buch:

„Es handelt sich um einen informativen Reader, journalistische Arbeit im besten Sinn, da er Wissen aus vielen benachbarten Fachgebieten wie der Kriminalistik, der Rechtswissenschaft, der Strafvollzugskunde, der forensischen Psychiatrie, aber auch der Rechtsphilosophie und der Sozialwissenschaft anschaulich aufbereitet und damit auch integrativ zusammenträgt.“
Prof. Dr. Wolfgang Berner im Westdeutschen Rundfunk

„Krebber belegt anhang umfangreich zitierten Expertenmeinungen, dass schärfere Strafen nicht die Sicherheit bringen, die populistische Politiker und reißerische Medien versprechen. Sein Ergebnis: Wer Verbrechen vorbeugen und Rückfalldelikte so weit wie möglich eindämmen will, hat nur eine Chance: der Bereich der Therapie muss ausgedehnt werden … Nur mit sehr genauem Hinschauen – und nicht mit sogenannten Patentrezepten – kann man in jedem Einzelfall einer Lösung des Problems näher kommen. Werner Krebbers Buch … ist ein eindringliches Plädoyer für diesen Weg.“
Detlef Grumbach im Saarländischen Rundfunk