Kehre ein zu dir selbst und sieh dich an

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Kehre ein zu dir selbst und sieh dich an. Und wenn du siehst, dass du noch nicht schön bist, so mache es wie der Bildhauer, der von einer Statue, die schön werden soll, hier etwas fortmeißelt, dort etwas glättet und da etwas reinigt, bis er der Statue ein schönes Gesicht gegeben hat. So mach’ du es auch: Nimm weg, was unnütz, richte gerade, was krumm ist, reinige, was dunkel ist und mache es hell. Lass nicht ab, an deiner eigenen Statue zu wirken, bis dir der göttliche Glanz der Tugend aufleuchtet und du sie auf ihrem heiligen Sockel stehend erblickst. Und wenn du soweit gekommen bist, dann hemmt dich nichts mehr, dann bist du ganz du selbst und ganz und gar reines, wahres Licht. Du bist eins mit dem Schauen, gewinnst Zutrauen zu dir, bist so hoch gestiegen, dass du keine Weisung mehr brauchst.

Plotin (204 – 270) in den „Enneaden“

Mehr spirituelle Impulse täglich hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Erkenne die Wahrheit in dir

Schopenhauer-Foto von Johann Schäfer (1855) / wikimedia

Erkenne die Wahrheit in Dir, erkenne Dich selbst in der Wahrheit: und siehe! im selben Augenblick wirst du die lange vergebens gesuchte, sehnsüchtig geträumte Heimath genau im Ganzen und in jedem Einzelnen zu deiner Verwunderung erkennen in dem Ort, der dich gerade dann umgiebt: dort berührt der Himmel die Erde.

Arthur Schopenhauer (1788 – 1860) in: Neue Paralipomena, Kapitel 21

Mystische Abgeschiedenheit und mit der Welt eins

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Die Deutlichkeit und Bestimmtheit unserer Wahrnehmungen kommt eben von dem Zustand der Vereinzelung und Abgrenzung, der Individualisierung, in den wir den Strom der Außenwelt versetzen müssen, um seiner auf Umwegen habhaft zu werden. Und ebenso scheint es, hat die Welt uns absondern und zu Individuen schaffen müssen, um in uns aufblitzen und erscheinen zu können. Nur dass wir in dieser Absonderung und in tiefster Einkehr bei uns selbst die Welt leibhaftig und seelenhaft in uns finden und spüren. Weil die Welt in Stücke zerfallen und von sich selbst verschieden und geschieden ist, müssen wir uns in die mystische Abgeschiedenheit flüchten, um mit ihr eins zu werden.

Gustav Landauer (1870 – 1919) in seinem Text: Durch Absonderung zur Gemeinschaft (1900)

Landauer hatte auch „Meister Eckharts Mystische Schriften“ in unsere Sprache übertragen. An einer spätere Ausgabe hatte Martin Buber mitgearbeitet.

Saatkörner der Kontemplation

Kontemplation ist der höchste Ausdruck des intellektuellen und geistigen Lebens des Menschen. Sie ist das Leben selbst, voll wach, voll aktiv, voll bewusst, dass es lebendig ist. Sie ist geistiges Staunen. Sie ist spontane Ehrfurcht vor der Heiligkeit des Lebens, des Seins. Sie ist eine lebendige Erkenntnis der Tatsache, dass das Leben und das Sein in uns aus einer unsichtbaren, transzendenten und unendlich reichhaltigen Quelle stammen. Kontemplation ist vor allem ein Bewusstsein für die Realität dieser Quelle. Sie kennt die Quelle, obskur, unerklärlich, aber mit einer Gewissheit, die über die Vernunft und über den einfachen Glauben hinausgeht… Es ist eine tiefere Tiefe des Glaubens, ein Wissen, das zu tief ist, um in Bildern, in Worten oder sogar in klaren Begriffen erfasst zu werden.

Thomas Merton (1915 – 1968) in: New Seeds of Contemplation

Die Natur handelt nicht nach Zwecken

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Die Natur handelt nicht nach Zwecken, sie reibt sich nicht in einer unendlichen Reihe von Zwecken auf, von denen der eine den anderen bedingt; sondern sie ist in allen ihren Äußerungen sich unmittelbar selbst genug. Alles, was ist, ist um seiner selbst willen da.

Georg Büchner (1813 – 1837): Über Schädelnerven. Probevorlesung in Zürich, 5. November 1836

Mehr zu Büchner hier: http://buechnerportal.de/

Ohne warum

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Die Ros ist ohn warum;
sie blühet, weil sie blühet,
Sie acht nicht ihrer selbst,
fragt nicht, ob man sie siehet.

Angelus Silesius / Johannes Scheffler (1624 – 1677)

Mich selbst für einen Augenblick vergessen

Omar Khayyam / wikimedia ~ gemeinfrei

Ich trinke nicht aus purer Freude am Wein – und auch nicht, um über den Glauben zu spotten. Nein, ich trinke nur, um mich selbst für einen Augenblick vergessen zu können. In Wirklichkeit erwarte ich nur das von der Betäubung, ausschließlich das.

Omar Khayyam (1048 – 1031)

Mehr zu Alkohol und Spiritualität hier:

https://alkoholundspirit.wordpress.com/

https://www.facebook.com/alkoholundspirit

Durch die Medien ging heute, dass Deutschland „Hochkonsumland“ in Sachen Alkohol ist. Mehr dazu hier: https://www.dhs.de/suechte/alkohol/zahlen-daten-fakten

Ginkgo Biloba: Eins und doppelt

Ginkgo am Oberhausener Haus Ripshorst / Foto: (c) wak

Dieses Baums Blatt, der von Osten
Meinem Garten anvertraut,
Gibt geheimen Sinn zu kosten,
Wie’s den Wissenden erbaut.

Ist es ein lebendig Wesen,
Das sich in sich selbst getrennt?
Sind es zwei, die sich erlesen,
Daß man sie als eines kennt?

Solche Fragen zu erwidern
Fand ich wohl den rechten Sinn:
Fühlst Du nicht an meinen Liedern,
Daß ich eins und doppelt bin?

Johann Wolfgang von Goethe / 1815 (1749 – 1832)

Meister Eckhart: Mystiker auf Messers Schneide

Gedenktafel am Erfurter Predigerkloster für Meister Eckhart (1260 – 1328) / Foto: (c) wak

Es ist das unvermeidbare Schicksal der Mystik und ihrer Heiligen, zwischen Aufschwung und Absturz, zwischen religiöser Klassizität und kirchlicher Verdammung wie auf Messers Schneide hingehen zu müssen. Das tragische Schicksal des Meisters selbst liegt in diesem Sachverhalt beschlossen. Der in Gott ruhende Meister Eckehart ist aber auch im geistesgeschichtlichen Sinn kein Gewesener. Er ist vielmehr mit der ganzen Wucht seiner Gotteskindschafts-Verkündigung ein kaum erst geahnter Künftiger, ein geistig erst Kommender.

Dieser allgegenwärtig in Gott ruhende Meister Eckehart hat bei Lebzeiten seine Gegner in heiliger Einfalt nicht „erkannt“. Er spricht auch heute noch zu ihnen mit jedem seiner kämpferischen Worte:

„Die ihr euch an mir wie auch immer ärgert, ihr kennt euch selbst nicht, ihr kennt mich nicht. Denn: ihr kommt im Umkreis wahren Gotterlebens gar nicht vor.“

Friedrich Alfred Schmid Noerr in seiner Einleitung zu Meister Eckehart: Vom Wunder der Seele. Eine Auswahl aus den Traktaten und Predigten. Stuttgart 1963, S. 10-11