Psychologische Drogen

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Wenn Machthaber durch Worte und Gesten ein Symbol einbeziehen, sei es auch ein konventionelles, wie die Flagge eines Staates, die allerdings geschätzte Werte versinnbildlicht, können leidenschaftliche Wallungen zum Paroxismus (Folge von sich steigernden Ausbrüchen. wak) getrieben werden. Die Wiederholung von Worten und Sätzen, besonders religiöser, patriotischer oder politischer Natur, wie auch die Wiederholung von Schlagworten, wirken als psychologische Drogen.

Frederic Lionel (1908 – 1999) in: Das Vermächtnis des Pythagoras. Grafing 1990, S. 75

Ein Mystiker entmystifiziert die politische Macht

Lao Tzu, ein Mystiker, entmystifiziert die politische Macht. Autokratie und Oligarchie fördern den Glauben, dass Macht auf magische Weise erlangt und durch Opfer erhalten wird, und dass die Mächtigen den Machtlosen wirklich überlegen sind.

Lao Tzu sieht politische Macht nicht als Magie an. Er sieht rechtmäßige Macht als verdient und unrechtmäßige Macht als usurpiert. Er sieht Macht nicht als Tugend, sondern als das Ergebnis von Tugend. Die Demokratien beruhen auf dieser Sichtweise.

Er sieht die Aufopferung von sich selbst oder von anderen als Korruption der Macht an, und dass die Macht jedem zur Verfügung steht, der dem Weg folgt. Dies ist eine radikal subversive Haltung. Kein Wunder, dass Anarchisten und Taoisten gute Freunde sind.

Ursula K. Le Guin (1929 – 2018) in: Lao Tzu: Tao Te Ching. A Book about the Way and the Power of the Way. A New English Version bei Ursula K. Le Guin with the Collaboration of J.P. Seaton, Professor of Chinese, Shambala Boston & London, 2011

Thomas Merton und Thich Nhat Hanh: Brüder und Dichter

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… Ich habe gesagt, dass Nhat Hanh mein Bruder ist, und das stimmt auch. Wir sind beide Mönche, und wir leben seit etwa der gleichen Anzahl von Jahren im klösterlichen Leben. Wir sind beide Dichter, beide Existentialisten. Ich habe mit Nhat Hanh weit mehr gemeinsam als mit vielen Amerikanern, und ich zögere nicht, das zu sagen. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass solche Gemeinsamkeiten anerkannt werden. Es sind die Bande einer neuen Solidarität und einer neuen Brüderlichkeit, die sich auf allen fünf Kontinenten abzuzeichnen beginnen und die alle politischen, religiösen und kulturellen Grenzen überschreiten, um junge Männer und Frauen in jedem Land in etwas zu vereinen, das konkreter ist als ein Ideal und lebendiger als ein Programm. Diese Einheit der Jugend ist die einzige Hoffnung für die Welt. In ihrem Namen appelliere ich für Nhat Hanh. Tun Sie, was Sie können, für ihn. Wenn ich Ihnen etwas bedeute, dann lassen Sie es mich so sagen: Tun Sie für Nhat Hanh das, was Sie für mich tun würden, wenn ich in seiner Lage wäre. In vielerlei Hinsicht wünschte ich, ich wäre es.

Zuerst veröffentlicht im Magazin „Jubilee“ 1966, später in Mertons Buch „Faith and Violence“ 1968

Gefunden habe ich Thomas Mertons Anmerkungen hier:  https://plumvillage.org/thomas-mertons-words-on-thich-nhat-hanh/

Mehr zu den Verbindungen von Merton und Thich Nhat Hanh hier: http://fatherlouie.blogspot.com/2007/02/thich-nhat-hanh-connection.html

Geteilte Welten in Christus transzendieren

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Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen. Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Freiheit des anders Denkenden

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Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der anders Denkenden. Nicht wegen des Fanatismus der „Gerechtigkeit“, sondern weil all das Belebende, Heilsame und Reinigende der politischen Freiheit an diesem Wesen hängt und seine Wirkung versagt, wenn die „Freiheit“ zum Privilegium wird.

Rosa Luxemburg  (1871 – 1919) in: Die russische Revolution. Politische Schriften, Bd. 3, Frankfurt/M. 1968, S. 106-141. Hier: S. 134

Hannah Buchholz: Frühling 2020 – Haikus

 

Hannah Buchholz
Frühling 2020
Haikus

Schillo-Verlag, München. ISBN: 978-3-944716-46-6 / 13.99 Euro

Eine poetische Chronologie aus jenem Frühling, der so ganz anders war. Die Haikus von Hannah Buchholz regen zum Nachdenken und zur Auseinandersetzung an – sowohl politisch im Außen als auch zur Selbstreflexion im Inneren. Die Gedichte nehmen die Leser mit auf eine Reise durch ein poetisches Tagebuch.

Lichtvollen Meditationen zur Natur und ihrem Frühlingserwachen stehen kritische Fragen und Anmerkungen zum Umgang mit Corona, Massenhysterie und politischem Wirrwarr gegenüber und spiegeln so die Gedanken und Gefühle wider, die wohl viele in dieser Zeit beschäftig(t)en.

In der »Frühlingshaft« des Jahres 2020 entstanden, zeigt Hannah Buchholz mit diesem Buch die Notwendigkeit auf, die Verhältnisse zu hinterfragen, gegen den Strich zu denken und sich trotz allem immer wieder auch darauf zu besinnen, was diese besondere Jahreszeit, den Frühling, ausmacht.

Hier kann das Buch bestellt werden: https://schillo-verlag.de/produkt/fruehling-2020

Mehr Haikus von Hannah Buchholz gibt es hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

Sich nicht von den Nebelschwaden beirren lassen

Fotographik © wak

Die alte jüdische Legende von den 36 unbekannten Gerechten, die immer da sind und ohne deren Anwesenheit die Welt in Scherben fiele, sagt letztlich darüber etwas aus, wie notwendig solch ‚edelmütiges‘ Verhalten beim normalen Gang der Dinge ist. In einer Welt wie der unseren, in welcher die Politik in einigen Ländern es längst nicht mehr bei anrüchigen Seitensprüngen beläßt, sondern eine neue Stufe der Kriminalität erklommen hat, hat jedoch die kompromißlose Moralität plötzlich ihre alte Funktion, bloß die Welt zusammenzuhalten, verändert und ist zum einzigen Mittel geworden, mit dem die eigentliche Realität – im Gegensatz zur von Verbrechen entstellten und im Grunde nur kurzlebigen Faktizität – erkannt und planvoll gestaltet werden kann. Nur diejenigen, die noch in der Lage sind, sich nicht von den Nebelschwaden beirren zu lassen, die aus dem Nichts fruchtloser Gewalt hervortreten und sich wieder dorthin verflüchtigen, können mit so gewichtigen Dingen wie den ständigen Interessen und der Frage des politischen Überlebens einer Nation betraut werden.

Hannah Arendt: Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten? In Hannah Arendt: Israel, Palästina und der Antisemitismus, Wagenbach. Berlin 1991, S. 39–75, hier S. 68

zahlen an sich sind ungefährlich…

zahlen an sich
sind ungefährlich
und klar.

ihre klarheit wird missbraucht
wenn sie für herhalten müssen
für politische taktiererei
bar jeder wissenschaftlichen grundlage.

west gegen süd, nord gegen ost
profilieren sich politiker
inmitten von Menschen,
die zum Leiden oder Sterben
verdammt werden

w.a.k.

Politische Parteinahme

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Wer sich nicht mit Politik befasst,
hat die politische Parteinahme,
die er sich sparen möchte,
bereits vollzogen:
Er dient der herrschenden Partei.

Max Frisch (1911 – 1991) in: Tagebuch 1946 – 1949, Frankfurt a. M., Suhrkamp 1972,  S. 329