Tue recht und fürchte niemanden

Wenn du etwas Bestimmtes tust in der Überzeugung, daß es getan werden müsse, so scheue dich niemals, dabei gesehen zu werden, auch wenn die große Menge wahrscheinlich darüber die Nase rümpft. Denn wenn das, was du vorhast, Unrecht ist, so lass es überhaupt sein; handelst du aber recht, was fürchtest du dann die Leute, die dich zu Unrecht tadeln werden?

Epiktet ( um 50 – 138) in: Handbüchlein der Moral. Stuttgart 1992, S. 59

Geistige Kräfte wieder achten

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Dass der Dichter heute nur dann gehört wird, wenn er dem Geschmack der Menge, den Strömungen der Zeit entgegenkommt, also das Element seines besonderen Wesens, das ihn zum Dichter vorbestimmt, so gut wie preisgibt – dieser schmachwürdige Zustand kann nur geändert werden, wenn die Zeit oder vielmehr ihre Menschen gelernt haben werden, geistige Kräfte wieder zu achten. Unsere Zeit, in der die Mittelmäßigkeit, die durchschnittlichen Geister genau so triumphieren wie die Serienfabrikation oder die Vertrustung in der Wirtschaft, diese Zeit hat von der Erscheinung des Genies, das im Dichter wirksam ist, kaum etwas vernommen oder verstanden: ist es nicht so, daß man heute auf allen Gebieten, nicht nur auf dem des Sports, des Glaubens ist, jedermann könne durch Training und abermals durch Training zur Höchstleistung sich hinauftrainieren? Von Berufung und Talent oder gar Genie weiß man nur noch wie vom Hörensagen.

„Der Dichter und seine Zeit“ von Hermann Stehr im Jahr 1929. Erschienen in: Vom Geheimnis des Jenseits im Diesseits, Brentano Verlag, Stuttgart, 1960

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 9 |  Oktober 2020

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Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

Eine Menge Menschen aber noch viel mehr Gesichter

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Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.

Rainer Maria Rilke (1875- 1926) in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Kapitel 5

Das Haus der Welt für dich gemacht

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Siehst du nicht,
dass dieses ganze Haus der Welt
für dich gemacht ist?

Das Licht geht in dich ein
und vertreibt die Finsternis, die dich umgibt.
Für dein Wohl wurde die Nacht eingeführt,
für dich der Tag abgemessen.
Für dich wurde der Himmel mit den vielfältigen Strahlen
von Sonne, Mond und Sternen erhellt,
für dich die Erde mit Blumen, Baumpflanzungen und Früchten ausgemalt.
Für dich wurde in der Luft, auf dem Felde und im Wasser
lückenlos die wunderbare Menge der Lebewesen geschaffen,
damit keine traurige Einsamkeit
die Freude an der neugeschaffenen Welt zerstört.

Petrus Chrysologus (*um 380 – 451)