Ich sah empor, und sah in allen Räumen Eines

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Ich sah empor, und sah in allen Räumen Eines;
Hinab ins Meer, und sah in allen Wellenschäumen Eines.

Ich sah in’s Herz, es war ein Meer, ein Raum der Welten,
Voll tausend Träum‘; ich sah in allen Träumen Eines.

Du bist das Erste, Letzte, Äußre, Innre, Ganze;
Es strahlt dein Licht in allen Farbensäumen Eines.

Du schaust von Ostens Grenze bis zur Grenz‘ im Westen,
Dir blüht das Laub an allen grünen Bäumen Eines.

Vier widerspenst’ge Thiere ziehn den Weltenwagen;
Du zügelst sie, sie sind an deinen Zäumen Eines.

Luft, Feuer, Erd‘ und Wasser sind in Eins geschmolzen
In deiner Furcht, daß dir nicht wagt zu bäumen Eines.

Der Herzen alles Lebens zwischen Erd‘ und Himmel,
Anbetung dir zu schlagen soll nicht säumen Eines!

Mevlana Dschelaleddin Rumi (1207-1273) / Übersetzung von Friedrich Rückert 1819)

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Rainer Maria Rilke: Blaue Hortensie

 

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Blaue Hortensie

So wie das letzte Grün in Farbentiegeln
sind diese Blätter, trocken, stumpf und rauh,
hinter den Blütendolden, die ein Blau
nicht auf sich tragen, nur von ferne spiegeln.

Sie spiegeln es verweint und ungenau,
als wollten sie es wiederum verlieren,
und wie in alten blauen Briefpapieren
ist Gelb in ihnen, Violett und Grau;

Verwaschenes wie an einer Kinderschürze,
Nichtmehrgetragenes, dem nichts mehr geschieht:
wie fühlt man eines kleinen Lebens Kürze.

Doch plötzlich scheint das Blau sich zu verneuen
in einer von den Dolden, und man sieht
ein rührend Blaues sich vor Grünem freuen.

Rainer Maria Rilke, 1906

Mystikos – ein Versuch

Gottes Natur
sein Wesen
und seine Gottheit
hängt daran,
dass er in der Seele
wirken muss.
Meister Eckhart, Von unsagbaren Dingen

 

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mystikos:
verborgen und geheimnisvoll
und auch
undurchschaubar und unerklärbar.

Sich
und sein Selbst
verschließen.
Nicht nur die Augen.

myein ist mein ganzes Herz.

Hinein
in den Hortus Conclusus
in den verschlossenen Garten.
Leben lernen
aus der Quelle schöpfen
um den Brunnen überfliessen zu lassen.

Und dann:
Hinaus
mitten in diese Welt,
die sie braucht
die misericordia,
die Barmherzigkeit

die nicht gelingen kann
ohne zuvor
sich und sein Selbst
zu verschließen.

w.a.k.

Dieser Text ist zuerst hier erschienen: https://hannahbuchholz.wordpress.com/2015/01/08/mystikos-versuch-von-wak/

 

Mystik hier und jetzt – Studien- und Praxiskreis – Teilen erwünscht…

Am 6. Mai 2018 beginnen Rani Kaluza (doingnothing) und ich in Köln mit einem Studien- und Praxiskreis zum Thema „Mystik hier und jetzt – Mystikerinnen und Mystiker, Erfahrungen und Einsichten“.

Mystik ist der Grundzug jeder Religion. Jeder mystische Weg ist ein Weg aus einem allzu engen konfessionellen Religionsverständnis heraus. Das muss nicht ein Abschied von der Religion an sich bedeuten, wohl aber sprengt und übersteigt die Mystik alles, was die Religion verdinglichen und festschreiben will.

Und damit Mystik nicht im Kopf bleibt, sondern in die lebendige Praxis kommt, müsste jene Sicht wohl um diese Gedanken ergänzt werden: Die tiefste Form des Miteinander-Teilens geschieht in und durch mystische Weisheit, durch Lehren, Einsichten, Methoden des spirituellen Lebens und deren Früchte.

Namen wie Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz, Hildegard von Bingen, Meister Eckhart, Johannes Tauler, Geert Groote, Thomas von Kempen, Bede Griffiths, Thomas Merton und Dorothee Sölle stehen für einen mystischen Strom, der seit 10.000 Jahren wirkt und bis heute nicht zu fließen aufhörte.

In dem Studien- und Praxis-Kreis geht es darum, anhand von Texten aus der mystischen Tradition und kontemplativer Praxis auszuloten, wie aktuell Mystik ist und was sie mit dem konkreten Leben im Hier und Jetzt zu tun hat.

 

Doing Nothing

Absichtslos sein. Sinn und Zweck nicht kennen müssen. Nur horchen, sehen, spüren. Innen und Außen. Die momentane Befindlichkeit des Körpers, der Gefühle, des Verstandes und die Atmosphäre des Raumes, in dem man gerade sitzt oder liegt und wo nichts passiert.

Nichts tun.

Mühelos, ohne jemanden beeindrucken zu wollen. Sitzend auf einem Stuhl, einer Bank, einem Meditationskissen. Oben auf dem Hochstand eines Waldes oder unten auf dem Stein am Ufer eines Sees.

Sehen, hören, riechen, schmecken, es geschieht von allein. Das Rauschen des Windes draußen in dem Bäumen, die zarte Staubschicht auf einer Vase, Licht auf den Blättern einer Pflanze, das Gefühl von Traurigkeit im Bereich des Bauches.

Nicht-tun ist keine Meditation im herkömmlichen Sinne und doch ist es eine Praxis – eine sehr kraftvolle sogar. Reines Nicht-Tun ist ein Weg, der sich in vielen spirituellen Traditionen wieder findet, auch in der christlichen Mystik. Hier steht er allen gleichermaßen offen, unabhängig von Glaubensrichtung, Herkunft oder Weltsicht.

Rani Kaluza

 

Wer wir sind:

Werner A. Krebber
* 1954, ist gelernter Buchhändler und hat Theologie und Germanistik studiert. Nach vielen Jahren als Redakteur ist er heute vor allem als Autor und Blogger tätig.
Veröffentlichungen in Büchern, Blogs und Zeitschriften u.a. zu den Themen Beginen und Mystik, Kirche und Welt (Sozialethik, Carl Sonnenschein) Mystik und Spiritualität (Meister Eckhart, Johannes Tauler, Thomas Merton etc.) Kunst und Medien, Sucht und Spiritualität.

https://mystikaktuell.wordpress.com | https://wernerkrebber.wordpress.com

Rani Kaluza
* 1959, studierte freie Malerei, Autorin, Schneiderin, Malerin. Ihr spiritueller Weg begann 1976 mit einem Buch über Zen. 1988 begegnete sie dem Tibetischen Buddhismus von Chögyam Trungpa. Es folgte intensive Meditations-Praxis, Retreats, u.a. ein zweijähriger Aufenthalt in den USA. 2001 lernte sie den Advaita-Lehrer Samarpan Golden kennen, der sie 12 Jahre als spiritueller Lehrer begleitet hat. Seit 2013 geht Rani einen eigenen spirituellen Weg.

https://doingnothing.de | https://www.facebook.com/doingnothingretreats

 

Organisatorisches:

Wir treffen uns an jedem ersten Sonntag im Monat im Kölner Stadtteil Sülz. An diesen Sonntagen wird für beides Zeit sein – für stilles kontemplatives Sitzen und für das Studieren mystischer Texte & Themen sowie den gemeinsamen Austausch.

Der Kurs ist auf 12 Teilnehmer beschränkt, bitte vorher anmelden.

Man kann zur Probe einmal unverbindlich dabei sein.

Ein Einstieg ist jederzeit möglich.

Zeiten: 10:00 – ca.15:00 | Kosten: 15,- pro Sonntag

Fragen zum Thema Mystik
Werner A. Krebber
werner.krebber@web.de
Fon: 0209 / 20 56 95

Fragen zum Thema Praxis und ANMELDUNG
Rani Kaluza
weissefeder@netcologne.de
Fon: 0221/ 2406997

 

Hier können Sie den Flyer von „Mystik hier und jetzt“ ansehen oder herunterladen:

https://de.scribd.com/document/373535678/Mystik-hier-und-jetzt-Studien-und-Praxiskreis-Einsichten-und-Erfahrungen?secret_password=Ss9hY6RXq5uhVIHkVq87

Anmeldungen ab sofort auch hier möglich:

https://www.facebook.com/events/1998176107114359/?acontext=%7B%22ref%22%3A%2222%22%2C%22feed_story_type%22%3A%2222%22%2C%22action_history%22%3A%22null%22%7D

 

Hochachtung für die Schöpfung

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Mitgefühl ist eine spirituelle Kraft, ein Lebensstil, eine Umgangsform. Es ist die Art, wie wir mit allem im Leben umgehen, mit uns selbst, mit unserem Körper, mit unseren Vorstellungen und Träumen, mit unseren Nachbarn, und auch mit unseren Feinden. Einfühlungsvermögen ist eine Geisteshaltung, aus der Hochachtung für die Schöpfung spricht. Durch sie betrachtet man jedes Geschöpf als heilig und göttlich, denn das ist es auch.

Matthew Fox (*1940)