Verhängnisvolle Prioritäten

„Das Böse wird nicht nur personal, sondern als Verhängnis in einer Welt mit zahllosen unheilvollen Gegebenheiten verstanden. In diesem Sinne wird in der Theologie der Befreiung von der „strukturellen Sünde“ gesprochen. Papst Johannes Paul II. spricht in der Enzyklika „Sollicitudo rei socialis“ (1987) von „Strukturen der Sünde“. Er zählt dazu Egoismus, Kurzsichtigkeit, falsche politische Einschätzungen, unkluge wirtschaftliche Entscheidungen, Gier nach Profit und das Verlangen nach Macht (Nr. 36/37).“ Der Dominikaner Herbert Schlögel schrieb 1993 über jenen heute wohl vergessenen Begriff der „strukturellen Sünde“. Ich habe mich daran erinnert, als das Ende der Missbrauchsuntersuchungen zwischen Deutscher Bischofskonferenz und dem Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen bekannt wurde.

„Sexualstraftäter im Zerrbild der Öffentlichkeit“ hatte ich 1999 mein Buch im Konkret Literatur Verlag genannt, wo ich Fakten, Hintergründe und Klarstellungen zu einem schwierigen Problemfeld dargelegt habe. Dass es bei sexueller Gewalt, die in kirchlichen Zusammenhängen geschieht, noch einmal problematischer ist, müsste eigentlich jeder wissen. Trotzdem scheint der Schutz des Systems über das Finden der Wahrheit gestellt zu werden. Das sind verhängnisvolle Prioritäten – und nah dran an struktureller Sünde.

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