Shoah von Claude Lanzmann

Es gibt in Shoah keine Sekunde mit Archivmaterial, weil dies nicht die Art ist, wie ich denke und arbeite, und, nebenbei gesagt, solches Material gibt es gar nicht. […] Wenn ich einen Film gefunden hätte – einen geheimen Film, weil das Filmen verboten war –, gedreht durch die SS, in dem gezeigt wird, wie 3000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – zusammen sterben, in der Gaskammer des Krematoriums 2 in Auschwitz ersticken, so hätte ich ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn sogar vernichtet. Ich kann nicht sagen, warum. Das passiert von selbst.

Claude Lanzmann über seinen Film in“ Le Monde“ vom 3. März 1994

In der Mediathek von Arte ist er hier zu finden: https://www.arte.tv/de/videos/RC-015582/hommage-an-claude-lanzmann/

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Keine Vögel über Buchenwald

Ich erinnere genau. Ich stehe in Buchenwald, unterhalb der Blutstraße, unterhalb des Mahnmals, dort, wo die tiefen Gräbergruben sind. Mein Blick wird nach oben gerichtet, weil ich eine Bewegung wahrnehme. Über Buchenwald fliegen Wildgänse. Wildgänse über Buchenwald – welch ein Anachronismus. Ich versetze mich zurück in jene Zeit, als das Konzentrationslager noch Teil der NS-Diktatur war und stelle mir vor, dass Gefangene hier stehen, nach oben sehen und eine Gruppe ziehende Wildgänse sehen. Doch so war es nicht, konnte es nicht gewesen sein. Das habe ich gestern abend in Jorge Sempruns „Schreiben oder Leben“ wiederentdeckt. Über den Ettersberg oberhalb von Weimar flogen keine Vögel mehr. Der Gestank des Rauchs aus dem Krematorium hatte sie vertrieben. „Das Krematorium arbeitet seit gestern nicht mehr, sage ich zu ihnen. Nie mehr Rauch über dem Land. Die Vögel werden vielleicht zurückkommen“, schreibt Semprun, der damals Gefangener in Buchenwald war. Heute sind die Vögel zurück.