Hannah Buchholz: Meine alte Angst

Meine alte Angst
erscheint, trumpft auf, verschwindet!
Dann kehrt sie zurück!

*

Sie kommt und sie geht –
wann und wie es ihr gefällt –
meine alte Angst!

*

Kommst oder gehst du?
frage ich sie. Mal sehen!
erwidert die Angst.

*

Unberechenbar
ist das Wesen meiner Angst.
Unberechenbar!

*

Mal groß, mal kleiner –
kommt und geht sie wieder –
meine alte Angst.

*

Geh doch dort hin,
wo der Pfeffer wächst! rufe ich
ihr zu, meiner Angst!

*

Hört sie mich denn nicht?
Nein! Schon ist sie verschwunden –
meine alte Angst!

Hannah Buchholz / 24.10.2018

 

Mehr wunderbare, tiefgehende, berührende Gedichte von ihr hier: https://hannahbuchholz.wordpress.com/

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Der Stille Raum geben

 

Foto: © wak

Die Zeit, aus der wir kommen, wirkte — Jahrzehnt um Jahrzehnt in steigendem Maße — dem Segen der Stille entgegen. Die Gegenwart, in der wir leben, ist einer Kultur der Stille anscheinend vollends entgegengesetzt. Und doch waren die Menschen vielleicht noch nie so wie heute von einer Sehnsucht nach Stille erfüllt und so bereit, der Stille Raum zu geben — wenn sie nur wüßten, wo diesen Raum finden.

Karlfried Graf Dürckheim (1896 – 1988) in: Japan und die Kultur der Stille

Wir kommen weit her und müssen weit gehen

 

Foto: © wak

Wir kommen weit her, liebes Kind
und müssen weit gehen.

Keine Angst,
alle sind bei Dir, die vor Dir waren.
Deine Mutter, Dein Vater,
und alle, die vor ihnen waren,
weit weit zurück.

Alle sind bei Dir, keine Angst.
Wir kommen weit her
und müssen weit gehen, liebes Kind.

Heinrich Böll (1917 – 1985) – kurz vor seinem Tod

Zitiert wurde das Gedicht am Beginn des Filmes „Heinrich Böll, Ansichten eines Anarchisten“, der am 2. Dezember auf 3sat ausgestrahlt wurde.