Shoah von Claude Lanzmann

Es gibt in Shoah keine Sekunde mit Archivmaterial, weil dies nicht die Art ist, wie ich denke und arbeite, und, nebenbei gesagt, solches Material gibt es gar nicht. […] Wenn ich einen Film gefunden hätte – einen geheimen Film, weil das Filmen verboten war –, gedreht durch die SS, in dem gezeigt wird, wie 3000 Juden – Männer, Frauen und Kinder – zusammen sterben, in der Gaskammer des Krematoriums 2 in Auschwitz ersticken, so hätte ich ihn nicht nur nicht gezeigt, ich hätte ihn sogar vernichtet. Ich kann nicht sagen, warum. Das passiert von selbst.

Claude Lanzmann über seinen Film in“ Le Monde“ vom 3. März 1994

In der Mediathek von Arte ist er hier zu finden: https://www.arte.tv/de/videos/RC-015582/hommage-an-claude-lanzmann/

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„Vielleicht kommt noch einer auf die ldee: Die haben wir vergessen zu holen.“

Opfern des Holocaust fällt es schwer, über das Erlebte zu berichten

In Paris wurde jetzt eine Frau ermordet, die den Holocaust überlebt hatte. Vermutet wird ein antisemitischer Hintergrund. Das ließ mich an jenes Interview mit Anna Otto denken, das ich vor über 20 Jahren geführt habe:

Nachdenkliche Gedanken einer fast 100-jährigen, die vom Judentum zum Christentum konvertierte und das Konzentrationslager Theresienstadt überlebte. Doch auch nach 1945 wurde ihr das Leben nicht leicht gemacht.

Anna O. habe ich im Mai 1996 in Gelsenkirchen getroffen. Seit meiner frühen Kindheit kenne ich sie und ihren inzwischen verstorbenen Mann.

Viele Jahre lebt sie im Ruhrgebiet, hat sie hier ein Zuhause gefunden – aber keine „Heimat“ im umfassenderen Sinn. Seit ihrer heiratsbedingten Konversion vom Judentum zum Katholizismus ist sie auf einer ständigen Gratwanderung. Zwischen Anpassung und Verleugnung einerseits, zwischen Ausgrenzung und Unverständnis andererseits. So jedenfalls erlebe ich ihre Situation. Und sie bestätigt mir das. „Heute weiß ich mehr vom Judentum als früher. Ich hatte ja gar keine Wurzeln darin. Das ist sehr schwierig.“ Und sie beklagt: „Mit wem hätte ich denn auch darüber sprechen sollen?“ Auch ich wusste lange nichts von ihrer jüdischen Herkunft. Zum ersten Mal überhaupt hat sie sich bei unserem Gespräch im Mai 1996 mir gegenüber zu ihrer Lebensgeschichte geäußert. Und so wie ihr geht es vielen Überlebenden des Holocaust, die sich selbst noch schuldig daran fühlen, überlebt zu haben.

Einer Veröffentlichung dieses Gespräches zu ihren Lebzeiten, die ursprünglich im Zusammenhang mit einer Tagung mit den Problemen und Schwierigkeiten der sogenannten „Judenchristen“ geplant war, stimmte Anna O. nach der Autorisierung des nachfolgenden Textes nicht mehr zu. Ihre Sorge ist allzu verständlich: „Vielleicht kommt noch einer auf die ldee: Die haben wir vergessen zu holen.“ …

 

Das ganze Interview findet sich hier: https://wernerkrebber.wordpress.com/2016/12/16/anna-o-die-wollten-gar-nicht-dass-wir-da-ankamen/

Alain Resnais + / Nacht und Nebel

Am 19. Januar 2012 zeigte die „Flora“ in Gelsenkirchen den Film “Nacht und Nebel” des jetzt im Alter von 91 Jahren verstorbenen Regisseurs Alain Resnais. In einer Pressemitteilung schrieb die Flora damals:

„Als Mahnmal gegen das Vergessen entstand 1955, 10 Jahre nach der Auflösung der Konzentrationslager, unter der Regie von Alain Resnais der Film ‚Nacht und Nebel‘. Er nimmt seinen Ausgang in den grün überwucherten Ruinen von Auschwitz und zeigt dann in einem Rückblick das Geschehen in den Todeslagern, die gnadenlose menschenverachtende Präzision der ‚Endlösung‘. Dabei verbinden sich einprägsame Bilder mit der Musik Hanns Eislers und der künstlerischen Ausdruckskraft der Schriftsteller Jean Cayrol und Paul Celan (für die deutsche Bearbeitung), die beide den Holocaust überlebten, zu einem Dokument von erbarmungsloser Eindringlichkeit. Diese Qualität und sein Stellenwert als Warnung vor kollektiver Entmenschlichung im Zuge ideologischer Verblendung und politischer Diktatur verleihen dem Film eine zeitlose Aktualität.

Zu den eindruckvollsten Passagen in diesem Film gehört wohl die „Todesfuge“ von Paul Celan mit dem Satz „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“:

http://www.youtube.com/watch?v=hVerZZu5o3Q

Dort wo man Bücher verbrennt…

Das war ein Vorspiel nur, dort wo man Bücher
Verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.

Dieses Zitat Heinrich Heines aus seiner Tragödie Almansor (1821, erschienen 1823) behandelt – entgegen einer weit verbreiteten Annahme – nicht die vier Jahre zuvor durchgeführte Bücherverbrennung während des Wartburgfestes 1817, sondern eine Verbrennung des Korans nach der Eroberung des spanischen Granada durch christliche Ritter unter dem inquisitorischen Kardinal Gonzalo Jiménez de Cisneros 1499/1500 (siehe oben). In Heines Toleranzstück spricht der Moslem Almansor ben Abdullah mit Hassan, der verzweifelt gegen die christliche Besatzung kämpft. (Wikipedia)

Und doch klingt es wie eine Vorahnung auf jene Bücherverbrennungen vom 10. Mai 1933. Die nachfolgenden Gräuel sind bekannt.

Mehr hier:

http://www.tagesschau.de/inland/buecherverbrennung104.html

„Was für ein schöner Sonntag“

„Was für ein schöner Sonntag“. Als Joachim Gauck gestern nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten diesen Satz an den Anfang seiner Rede stellte, bin ich zusammengezuckt. Es hat seine Gründe.

„Was für ein schöner Sonntag“. Unter diesem Titel hat Jorge Semprun seine Erfahrungen im KZ Buchenwald nahe Weimar literarisch verarbeitet. Ein näherer Blick lohnt:

„Winter 1944. Ein Sonntag im Konzentrationslager Buchenwald, wenige Kilometer von Weimar entfernt. Der Häftling No. 44904 (S) alias Gérard alias Jorge Semprun steht bewundernd vor einer riesigen alleinstehenden Buche und verliert sich für Augenblicke in Träumen und literarischen Reminiszenzen: Hier war Goethe mit Eckermann spazierengegangen, hier hatte er »Wanderers Nachtlied« verfaßt. Aber ein SS-Unteroffizier zerrt ihn unvermittelt wieder in die Wirklichkeit zurück, in sein Leben als KZ-Häftling. Minuziös beschreibt Semprun den Tagesablauf, die geheime kommunistische Lagerorganisation, die Spannungen zwischen den einzelnen Nationalitäten, die Konflikte mit der SS, die den Arbeitseinsatz organisiert. Jeder Häftling kennt die wichtigsten deutschen Worte: Scheiße, Arbeit, Brot. Semprun, der junge Mann aus dem Madrider Großbürgertum, der eine deutsche Gouvernante hatte, gehört zu den wenigen, die fließend deutsch sprechen, er ist, auch sprachlich gesehen, ein Privilegierter, kein Prolet, sondern ein Intellektueller aus reichem Haus, seine »Genossen« lassen ihn das fühlen. Der Erfahrungsbericht eines KZ-Häftlings weitet sich aus zu einem autobiographischen Gesamtporträt, in seiner Erinnerung werden die verschiedensten Lebensabschnitte, Begebenheiten und Begegnungen wieder lebendig: die Emigration, das Studium an der Sorbonne, sein Engagement als Widerstandkämpfer, die Verhaftung und Deportation, die heimlichen Reisen nach Genf und Prag, Ostberlin und in die Sowjetunion, Anfang der sechziger Jahre, die Ferien auf der Krim im Kreise wichtiger Funktionäre, die Diskussionen mit kritischen Kommunisten wie Adam Schaff, die Auseinandersetzungen mit Carillo, dem heutigen Generalsekretär der spanischen KP. Später die Schauprozesse in Prag, wo auch Mithäftlinge aus dem KZ verurteilt werden. Semprun, bis 1964 Mitglied des Politbüros, analysiert die Erniedrigung überzeugter Kommunisten zu bloßen Befehlsempfängern, denen selbständiges Denken untersagt wird. …

Was für ein schöner Sonntag ist ein zeitgeschichtliches Dokument, eine poetische Autobiographie und gleichzeitig die sehr persönliche, leidenschaftliche, oft sehr ironische und bittere Auseinandersetzung des »Renegaten« Semprun mit dem Kommunismus. Er hat, eigenen Worten zufolge, zweimal überlebt: zum einen das Nazi-Konzentrationslager, zum anderen den ideologischen Terror des Stalinismus“

http://www.suhrkamp.de/buecher/was_fuer_ein_schoener_sonntag_-jorge_semprun_4243.html

 

Heiner Lichtenstein +

„Der langjährige WDR-Journalist und Publizist Heiner Lichtenstein ist tot. Er starb am Sonntag (04.07.10) im Alter von 78 Jahren in Köln. WDR-Intendantin Monika Piel würdigte Lichtenstein am Donnerstag (08.07.10) als ‚Redakteur und Autor mit Leidenschaft‘. Er habe sich durch herausragende Kompetenz und ein unbestechliches Urteilsvermögen ausgezeichnet.“ So der Pressedienst des Westdeutschen Rundfunks. „Die Lücke, die Heiner Lichtenstein, das historische Gewissen des bnr (Blick nach rechts), hinterlässt, ist nicht zu füllen. Wir erinnern uns an einen aufrechten und geradlinigen Journalisten, an einen toleranten und liebenswürdigen Menschen“, heißt es auf  der Seite von Vorwaerts.de über ihn.

Lange Jahre hat Lichtenstein den Majdanek-Prozess in Düsseldorf beobachtet. Am 23. Mai 1996 führte ich ein längeres Gespräch mit ihm. Das Interview erschien unter dem Titel „Beobachter und Weggefährte“ in der Dokumentation „Das Gedächtnis der Menschheit… Erinnerungen an das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek und den Majdanek-Prozess“ im Hagener Verlag Reiner Padligur.
Lichtenstein sagte damals unter anderem: „Es hat wohl keinen NS-Prozess in der Bundesrepublik gegeben, der so viele junge Zuhörerinnen und Zuhörer angelockt hat. Da war die Öffentlichkeitsarbeit eben vorzüglich. Nicht die Öffentlichkeitsarbeit des Gerichtes … die Organisationen, die sich um die Zeugen gekümmert haben, hatten eine sehr gute Resonanz in den Medien und dadurch wurden viele Leute – vor allem Schulklassen, Lehrerinnen und Lehrer – auf das Verfahren aufmerksam und kamen. … Es war die letzte Chance, in einem NS-Prozess zu erleben, was das war: die Shoah und hier eben speziell Majdanek im Süden von Polen.“

Die Broschüre kann hier zum Preis von 6,50 Euro plus Versandkosten bestellt werden: info@cjz-hagen.de