Dem Wasser gleich

Fotocollage: (c) wak

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder
Zur Erde muß es,
Ewig wechselnd.

Der „Gesang der Geister über den Wassern“ von Johann Wolfgang von Goethe ist 1779 entstanden

Mehr hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Gesang_der_Geister_%C3%BCber_den_Wassern

Unendlichkeit des Weltalls

Foto: (c) wak

Erstlich gibt es für uns nach allen beliebigen Seiten
Weder nach rechts noch nach links, noch nach oben hin oder nach unten
Irgendein Ende. So hab‘ ich’s gelehrt, wie die Sache auch selber
Für sich spricht; so wird die Natur des Unendlichen deutlich.
Also muß wohl auch dies ganz unwahrscheinlich erscheinen,
Daß, da leer sich der Raum in das Unermeßliche dehnet,
Und unzählige Keime in endloser Tiefe des Weltraums
Mannigfach schwirren umher, von der ew’gen Bewegung ergriffen,
Dieser einzige Himmel entstünd‘ und ein einziger Erdkreis,
Während so viele Atome des Urstoffs außerhalb feiern!
Überdies ist die Schöpfung der Welt ein natürlicher Vorgang,
Da sich die Keime der Welt von selbst und durch Zufall begegnen.
Vielfach trieben sie völlig vergeblich und fruchtlos zusammen,
Bis sich dann endlich die plötzlich geeinigten Teilchen verschmolzen
Und dann jedesmal wurden zum Anfang großer Gebilde,
Wie von der Erde, vom Meere, vom Himmel und lebenden Wesen.
So mußt immer aufs neue du dies mir bestätigen, daß sich
Anderswo andre Verbindung des Urstoffs bildet wie unsre
Welt, die der Äther so fest mit brünstigen Armen umklammert.

Lukrez (55 v.u.Z.) in: Über die Natur der Dinge

https://www.textlog.de/lukrez-natur-weltalls.html

Den Punkt Omega niemals aus den Augen lassen

Foto: (c) wak

Die Wirren unsrer Zeit, die Naturkatastrophen, die Angst, die Weltuntergangsstimmung, das alles ist nichts als die Geburtswehen des „Gottesreiches“. Wir dürfen diesen Punkt Omega niemals aus den Augen lassen, niemals, sonst stehen wir diese „Endzeit“ nicht durch. Und wenn nun wirklich unsere Erde zerstört wurde durch „das Feuer vom Himmel“, wie die Apokalypse sagt? Nun, was wird da zerstört? Nur die Materie. Nur das Biologische unserer Existenz. Das Eigentliche, der Geist, unser göttliches Teil, das bleibt.

Zeiten-Ende. Tagebuchzitat (1979-1982) von Luise Rinser in Anlehnung an Teilhard de Chardin

Ausführlicher ist dieses Rinser-Zitat hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER, BUCH X
CIII. Jahrgang, Mai 2022, Heft 5 / Thema: VON JACOB BÖHME ÜBER DIE ROMANTIK ZUM BÖHME-BUND

Bestellt werden kann die Ausgabe hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Ich sehe dich in tausend Bildern

An einer Fassade in Wittenberg/ Foto: (c) wak

Ich sehe dich in tausend Bildern,
Maria, lieblich ausgedrückt,
Doch keins von allen kann dich schildern,
Wie meine Seele dich erblickt.

Ich weiß nur, daß der Welt Getümmel
Seitdem mir wie ein Traum verweht,
Und ein unnennbar süßer Himmel
Mir ewig im Gemüte steht.

Novalis / Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801) in „Geistliche Lieder“

Zurück in den Zustand des Nicht-Zweifelns

Foto: (c) wak

Der Himmel ist das Absolute. Ihm folgt das Licht. Er ist die Achse, um die sich das Urgeheimnis dreht. Er ist das andere, das im Anfang ist. Darum ist seine Entfaltung gleichsam Nicht-Entfaltung, seine Erkenntnis gleichsam Nicht-Erkenntnis. Durch Verzicht auf Erkenntnis erst kann man ihn erkennen. Forscht man nach ihm, so darf man ihn nicht in der Endlichkeit suchen, aber man darf ihn auch nicht in der Unendlichkeit suchen. Im Undurchdringlichen ist doch eine Wirklichkeit. Sie wird nicht beeinflußt durch die Zeit und läßt sich nicht erschöpfen. Man darf ihn wohl als den bezeichnen, der alles trägt und leitet. Warum sollten wir uns nicht damit zufrieden geben, nach ihm zu fragen? Warum wollen wir uns mit Zweifeln plagen? Durch das Unbezweifelbare die Zweifel zu lösen und so zurückzukehren in den Zustand des Nicht-Zweifelns, so erreichen wir die große Freiheit in allem Zweifel.

Dschuang Dsï (um 365 – 290 v.u.Z.) in: Das wahre Buch vom südlichen Blütenland. Düsseldorf/Köln 1972, S. 262-263

Rainer Maria Rilke: Aus einem April

Foto: (c) wak

Wieder duftet der Wald.
Es heben die schwebenden Lerchen
mit sich den Himmel empor, der unseren Schultern schwer war;
zwar sah man noch durch die Äste den Tag, wie er leer war,-
aber nach langen, regnenden Nachmittagen
kommen die goldübersonnten
neueren Stunden,
vor denen flüchtend an fernen Häuserfronten
alle die wunden
Fenster furchtsam mit Flügeln schlagen.

Dann wird es still. Sogar der Regen geht leiser
über der Steine ruhig dunkelnden Glanz.
Alle Geräusche ducken sich ganz
in die glänzenden Knospen der Reiser.

Rainer Maria Rilke, 6.4.1900, Berlin-Schmargendorf