Quellen, sie münden herauf…

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Quellen, sie münden herauf,
beinah zu eilig.
Was treibt aus Gründen herauf,
heiter und heilig?

Läßt dort im Edelstein
Glanz sich bereiten,
um uns am Wiesenrain
schlicht zu begleiten.

Wir, was erwidern wir
solcher Gebärde?
Ach, wie zergliedern wir
Wasser und Erde!

Rainer Maria Rilke (1875 – 1926) in: Gedichte 1906 – 1926

Der Dichter und drei Steineklopfer

Gustave Courbet: Die Steineklopfer | Bild: wikimedia, gemeinfrei

Auf dem Weg nach Chartres, so wird erzählt, sieht der Schriftsteller Charles Péguy (1873-1914) einen Mann am Straßenrand, der Steine klopft. Der Gesichtsausdruck des Steineklopfers ist gezeichnet von Elend und seine Gesten beim Schlagen sind voller Wut.
Péguy bleibt vor dem Mann stehen und fragt ihn:
„Was tun Sie da?“
„Siehst du,“ antwortet der Mann Péguy, „ich habe nichts anderes als diese dumme und schmerzhafte Arbeit gefunden.“

Péguy geht weiter und  sieht einen anderen Mann, der ebenfalls Steine zerschlägt. Doch dessen Gesicht ist heiter und seine Schläge auf die Steine sehen harmonisch aus.
„Was machen Sie, Monsieur?“
„Nun,  ich verdiene meinen Lebensunterhalt und ernähre meine Familie“, antwortet der Mann Péguy.

Etwas weiter erscheint ein dritter Steineklopfer, der geradezu vor Glück strahlt. Er lächelt beim Zertrümmern der Steinmasse und schaut zufrieden auf die von ihm abgeschlagenen Steinstücke.
„Was machst du da?“, fragt Péguy auch diesen Mann.
„Ich“, antwortet der Mann dem Literaten,
„Ich baue eine Kathedrale!“

Nacherzählt von w.a.k. ~ Ausführlicher wird die Geschichte von dem Psychologen Boris Cyrulnik (* 1937 ) angeführt. Mehr zu ihm hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Boris_Cyrulnik

 

Es kribbelt und wibbelt weiter

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Die Flut steigt bis an den Arrarat,
Und es hilft keine Rettungsleiter,
Da bringt die Taube Zweig und Blatt –
Und es kribbelt und wibbelt weiter.

Es sicheln und mähen von Ost nach West
Die apokalyptischen Reiter,
Aber ob Hunger, ob Krieg, ob Pest,
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Ein Gott wird gekreuzigt auf Golgatha,
Es brennen Millionen Scheiter,
Märtyrer hier und Hexen da,
Doch es kribbelt und wibbelt weiter.

So banne dein Ich in dich zurück
Und ergib dich und sei heiter,
Was liegt an dir und deinem Glück?
Es kribbelt und wibbelt weiter.

Theodor Fontane (1819 – 1898)

Heiter humpelnde Demonstration gegen die Zerstörung der Welt

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Wir Alten sollten nicht so einverstanden sein mit dem, was in unseren Gesellschaften passiert. Ich könnte mir vorstellen, so eine heiter humpelnde Demonstration von Alten gegen die Zerstörung der Welt oder gegen das, was mit den Flüchtlingen geschieht. Ich glaub, wenn wir das hätten, dann wären wir Alten auch von dieser ständigen Sorge um uns befreit, und wir würden nicht mehr sagen: das Wichtigste ist Gesundheit. Gesundheit ist nicht das Wichtigste. Das wäre mein Wunsch, dass die Alten ihr Alter auch ein Stück vergessen, soweit sie können, ihre Stöcke und Krücken nehmen und auf die Straße gehen. Dass wir aus dieser Selbstverkrallung, die natürlich nahe liegt im Alter, wenn die Kräfte schwinden, aus dieser Selbstverkrallung wegkämen. Das wäre ein Stück unserer Schönheit. Das wär ein Stück unserer Freiheit auch.

Fulbert Steffensky (*1933)

Es sucht der Menschengeist im Außen alle Tage

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Es sucht der Menschengeist im Außen alle Tage,
Je weiter er hinausgreift allerdings,
Desto stärker hemmt er sich selbst.
Jene allein, die einwärts schauen,
Können ihre Leidenschaften zügeln,
Und die Gedanken stillegen.
Kann man seine Gedanken stillegen
Dann wird der Sinn erfüllt mit heitrer Ruhe.
Den Sinn beruhigen heißt den Geist zu nähren,
Wer den Geist nährt, der kehrt zurück zum Wesen.

Chang Chung-yuan (1907-1988) in: Tao, Zen und schöpferische Kraft, Seiten 147/148 – Diederichs 1990

Aufmerksam geworden bin ich auf diesen Text in dem immer wieder neu bemerkenswerten Blog von Ralph Butler: https://daoweg.wordpress.com/2017/08/25/unbekannt-aber-von-chang-chung-yuan/

Mehr von Chang Chung-yuan hier: https://terebess.hu/zen/chang/chang_chung-yuan.html