Toleranz ist gut…

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Eine Menge Menschen aber noch viel mehr Gesichter

Foto: © wak

Es giebt eine Menge Menschen, aber noch viel mehr Gesichter, denn jeder hat mehrere. Da sind Leute, die tragen ein Gesicht jahrelang, natürlich nutzt es sich ab, es wird schmutzig, es bricht in den Falten, es weitet sich aus wie Handschuhe, die man auf der Reise getragen hat. Das sind sparsame, einfache Leute; sie wechseln es nicht, sie lassen es nicht einmal reinigen. Es sei gut genug, behaupten sie, und wer kann ihnen das Gegenteil nachweisen? Nun fragt es sich freilich, da sie mehrere Gesichter haben, was tun sie mit den andern? Sie heben sie auf. Ihre Kinder sollen sie tragen. Aber es kommt auch vor, daß ihre Hunde damit ausgehen. Weshalb auch nicht? Gesicht ist Gesicht.

Rainer Maria Rilke (1875- 1926) in „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“, Kapitel 5

Vom (instrumentalisierten) Schweigen

Gerade habe ich mal in der Historie dieses Blogs nachgesehen und fand diesen Beitrag, den ich im April 2015 veröffentlicht habe:

„Wovon man nicht sprechen kann, darüber muß man schweigen.“

Satz 7 des Tractatus logico-philosophicus von Ludwig Josef Johann Wittgenstein (1889 – 1951)

Es kann gut sein, zu schweigen. Manchmal muss es gut sein, zu schweigen. In einigen spirituellen Übungen zum Beispiel ist schweigen unabdingbar.

Es gibt aber auch eine Instrumentalisierung des Schweigens, die zu inflationären Auswüchsen zu scheinen führt. Wenn ich allein die letzten Wochen beobachte, wofür alles „Schweigeminuten“ benutzt werden, frage ich selbst mich nach dem tieferen Sinn.

Aber vielleicht geht es ja auch nur mir so. Ich weiß es nicht…

© wak