Muße gewinnen

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Wieviel Muße gewinnt der,
der nicht darauf, was sein Nächster
spricht oder tut oder denkt,
sondern nur auf das sieht,
was er selbst tut,
daß es gerecht und heilig sei;
sieh nicht, sagt Agathon,
die schlechten Sitten um dich her,
sondern wandle auf gerader Linie deinen Pfad,
ohne dich irremachen zu lassen.

Marc Aurel (121 – 180) in seinen „Selbstbetrachtungen“

(Agathon (um 448 – um 400 v. u.Z.) war ein antiker griechischer Tragödiendichter)

Ungeheures Bedürfnis nach Sein und Ferne

Titelblatt der Görlitzer Literaturschrift „Die Lebenden“
mit einem Holzschnitt von Willy Schmidt aus dem Jahr 1923

 

Nicht mit dem Wankelmut der Kritik (deren Zwischenhandel noch nie so fruchtlos erschien wie heute), sondern mit dem Leben, unserem grimmigen Freunde, misst sich die Dichtung. Sie hat ein bezeichnendes unmittelbares Verhältnis zum Dasein gewonnen. Diese Nähe zur Erde bewegt sich (mit dem ungeheuren Bedürfnis der Kunst nach Sein und Ferne) zugleich auf dem Weltkreis des Geheimnisses. Die Kunst will die Stufe hintergründiger Erdschöpfung gewinnen. Sie hat schon eine gute Sicherung gegen das Einseitige erreicht, gegen naturalistische Billigkeiten wie gegen romantische, artistische oder psychologische Selbstspiegelung.

Alfred Wolfenstein in: Die Lebenden, Flugblätter, Blatt 1 (zweite, veränderte Ausgabe), Görlitz, 1923

 

Der vollständige Text ist hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER
CI. JAHRGANG HERBST 2020
3. Quartalsausgabe August, September, Oktober, gebunden
ISBN.Nr. 978 -3-948594-03-9

HEFT 9  |  Oktober 2020
TITELTHEMA: DIE LEBENDEN

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

 

 

Norbert Blüm + über Carl Sonnenschein

Werner Krebber (Hg.) Den Menschen Recht verschaffen. Carl Sonnenschein. Person und Werk. Echter-Verlag, Würzburg, 1996

„… Dieses Buch ist eine Hilfe, das Denken, das Tun und die Wirkung von Carl Sonnenschein besser zu verstehen. Er ist für uns heute ein Beispiel dafür, wie man durch Kompetenz Anerkennung findet, durch Engagement überzeugt, durch Konsequenz schließlich gewinnt und durch Mut und Zivilcourage Dinge in Gang bringt, von denen viele Generationen profitieren. An uns liegt es, das soziale Vermächtnis von Carl Sonnenschein zu bewahren und in unserem Sozialstaat weiterzuführen.“

Norbert Blüm (1935 – 2020) in seinem Vorwort zu diesem Buch. Blüm war damals Bundesarbeitsminister

Das Echte erkennen

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Auf die Schule des
Denkens, Erkennens, Anschauens
kommt sehr viel an.

Die Menschen müssten erst das Vermögen,
das Echte zu erkennen, zurückgewinnen.

 

Reinhold Schneider im Jahr 1937 in einem Brief an seine frühere Vermieterin und lebenslange Gefährtin Anna Baumgarten

Die Zeit geht nicht, sie stehet still…

Die Zeit geht nicht, sie stehet still,
Wir ziehen durch sie hin;
Sie ist ein Karavanserai,
Wir sind die Pilger drin.

Ein Etwas, form- und farbenlos,
Das nur Gestalt gewinnt,
Wo ihr drin auf und nieder taucht,
Bis wieder ihr zerrinnt.

Es blitzt ein Tropfen Morgentau
Im Strahl des Sonnenlichts;
Ein Tag kann eine Perle sein
Und ein Jahrhundert nichts.

Gottfried Keller (1819 – 1890)

 

 

Dabei sein ist alles

Wer sich den Medaillenspiegel der deutschen Olympioniken ansieht, kann seine Ent-Täuschung kaum verbergen. Das Streben nach dem alten „citius, altius, fortius“, das eigentlich höher, schneller, stärker heißt, aber meist mit höher, schneller, weiter übersetzt wird, ist allzu tief in den Köpfen der Millionen Beobachter eingegraben. Ein anderer Satz bleibt dabei oft vergessen. Jener, der mit „dabei sein ist alles“ wiedergegeben wird. Dabei hatte Pierre de Coubertin nach einer umstrittenen Entscheidung gesagt: „Das Wichtigste bei den Olympischen Spielen ist nicht zu Gewinnen, sondern daran teilzunehmen.“ Aber das kommt dem zweiten Satz schon weit näher als dem ersten.