Wissen, dass es ein Zentrum gibt

Foto: © wak

Wenn wir wüssten,
dass die Welt ein Labyrinth ist,
dann wüssten wir,
dass es ein Zentrum gibt.

Egal ob dort etwas Schreckliches
wie der Minotaurus
oder etwas Göttliches wohnt.
Aber es gäbe ein Zentrum.

Wenn wir hingegen annehmen,
dass die Welt Chaos sei,
dann wären wir wirklich verloren.

Jorge Luis Borges (1899 – 1986)

Werbeanzeigen

Kapellenloser Glaube

Foto: © wak

Es gibt so wunderweiße Nächte,
Drin alle Dinge Silber sind.
Da schimmert mancher Stern so lind,
Als ob er fromme Hirten brächte
Zu einem neuen Jesuskind.

Weit wie mit dichtem Diamantenstaube
Bestreut, erscheinen Flur und Flut,
Und in die Herzen, traumgemut,
Steigt ein kapellenloser Glaube,
Der leise seine Wunder tut.

Rainer Maria Rilke: Wunderweiße Nächte. 10. Oktober 1896

Frieden – in der Welt und im eigenen Herzen

Friedensdenkmal von Ewald Mataré in Fulda  Foto: © wak

Damit es Frieden in der Welt gibt,
müssen die Völker in Frieden leben.

Damit es Frieden zwischen den Völkern gibt,
dürfen sich die Städte nicht gegeneinander erheben.

Damit es Frieden in den Städten gibt,
müssen Nachbarn sich verstehen.

Damit es Frieden zwischen Nachbarn gibt,
muss im eigenen Haus Frieden herrschen.

Damit im Haus Frieden herrscht,
muss man ihn im eigenen Herzen finden.

Laotse (6. Jh. v.u.Z.)

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt…

Foto: © wak

Der römische Brunnen

Aufsteigt der Strahl und fallend gießt
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfließt
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.

Conrad Ferdinand Meyer (1825 – 1898)

 

 

Kleine und große Probleme

Zitat an einer Mauer in Berlin Foto: © wak

Wenn es sich
um Wahrheit und Gerechtigkeit handelt,
gibt es nicht die Unterscheidung
zwischen kleinen und großen Problemen.

Denn die allgemeinsten Gesichtspunkte,
die das Handeln der Menschen betreffen,
sind unteilbar.
Wer es in kleinen Dingen
mit der Wahrheit nicht ernst nimmt,
dem kann man auch in großen Dingen
nicht vertrauen.

Albert Einstein (1879 – 1955)

Aus dem unvollendeten und letzten schriftlichen Manuskript-Entwurf für die Ansprache zum 7. Jahrestag der Unabhängigkeit Israels 1955