Was ist also die Zeit?

Foto: (c) wak

Was ist also die Zeit?
Wenn mich niemand darüber fragt,
so weiß ich es;
wenn ich es aber jemandem
auf seine Frage erklären möchte,
so weiß ich es nicht.

Augustinus von Hippo (354 – 430)

Mehr spirituelle Gedanken hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Mystik aktuell: Editorial | Update 02_2021

„Wann, wenn nicht Jetzt“ heißt es im Untertitel des Blogs „Mystik aktuell“. Ganz so, wie es Sosan um 600 formuliert hat: „Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.“

Werner Anahata Krebber | Foto: privat

Auf dem sprituellen Weg können Texte aus der mystischen Tradition wie aus der Gegenwart Begleiter sein, die eigene Verortung neu zu buchstabieren oder zu vertiefen. Dabei greife ich für den Blog „Mystik aktuell“ neben eigenen Beiträgen auf Quellen zurück, die weit über die eigene spirituelle Herkunft hinausgehen neue Zugänge ermöglichen können: interreligiös, interspirituell, transkonfessionell, interkulturell. Stammen sie geographisch oder spirituell auch von weit her, so können sie Anstoß, Anregung, Ansprache sein – immer neu sind sie danach zu befragen, welche Bedeutung sie für jede/n Einzelne/n haben. Jetzt. Und auch so, wie es Robert Musil (1880 – 1942) in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ formuliert hat:

Ich sehe mir den heiligen Weg
mit der Frage an,
ob man wohl auch
mit einem Kraftwagen auf ihm fahren könnte!

In diesem Sinne viel anregende Lektüre!

Werner Anahata Krebber im Februar 2021

Täglich mehr hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Lutz Mommartz: Soziale Plastik

Screenshot aus dem Film „Soziale Plastik“ von Lutz Mommartz

„Soziale Plastik“ wurde 1969 im Anschluss an die Dreharbeiten zu „400 m IFF“ gedreht. IFF ist die Bezeichnung für das vorhandene, bereits abgelaufene Filmmaterial, von dem etwa 400 m für „400 m IFF“ und der Rest für „Soziale Plastik“ verwendet wurden. In „400 m IFF“ treten drei Männer in der Wohnung des Autors vor die filmende Kamera.
Mit Joseph Beuys war diese Situation verabredet, die beiden anderen Besucher kamen zufällig vor ihm und spielten instinktiv mit. „Sie alle bemerkten die Ausnahmesituation, konnten sich aber nicht auf die Souveränität verlassen, ihren Standpunkt durchzusetzen. Und auch während der Vorgänge auf der Leinwand wird der Zuschauer zum Teilnehmer, der sich der Frage nicht entziehen kann, wie er sich in der gleichen Situation verhalten hätte.“
Der anschließend entstandene Film mit Joseph Beuys über den anonymen Betrachter trägt den Titel: „Soziale Plastik“.
In diesem Film nimmt Joseph Beuys die Herausforderung an, sich dem Publikum zu stellen, ohne zu sprechen. Der Film hat also keine Tonspur. Er wurde 1988 – nach dem Tod von Joseph Beuys – von Lutz Mommartz der Öffentlichkeit vorgestellt und kommt sozusagen aus dem Jenseits.

Lutz Mommartz (*1943)

Hier der Link zu dem Film „Soziale Plastik“ von Lutz Mommartz: https://archive.org/details/SozialePlastik_767

Rücksichtsvoll…

Foto: © wak

Spazieren an der Ruhr zwischen Werden und Kettwig. Die Sonne scheint auf die herbstlich verfärbten Bäume. Ruhig fließt die Ruhr kaum sichtbar, Radfahrer überholen mal schneller mal langsamer. Ein Radfahrer überholt uns, blickt in den Rückspiegel seines Rades und bleibt stehen. „Ich hab eine Frage“, spricht er meine Frau und mich an. „War die Musik zu laut oder war das moderat?“ – Beide sagen ihm, dass sie sehr angemessen gewesen war und uns nicht störte. Da meint er: „Ich will nicht zu den Idioten gehören, die die ganze Umgebung beschallen!“ – Solche Rücksicht habe ich sehr lange nicht erlebt. Respekt! ~ w.a.k.

Ich bin der Fragesteller und die Frage

Brahma / Foto: Archiv

Brahma

Der rote Schläger denkt, daß der schlüge,
und der Erschlagene denkt, er sei erschlagen:
Sie wissen nicht, wie heimlich ich es füge,
daß alle Dinge mich im Innern tragen.

Für mich ist nah, was ferne und versunken;
Sonne und Schatten geben sich nichts nach;
Götter erscheinen mir, die längst entschwunden;
ein und dasselbe sind mir Ruhm und Schmach.

Wer mich verleugnet, kennt nicht seine Lage:
Wenn er mich flieht, bin ich, was ihn beschwingt;
ich bin der Fragesteller und die Frage;
ich bin das Lied, das der Brahmane singt.

Die Götter sehnen sich nach meinen Gründen,
den Heiligen Sieben laß ich keine Ruh;
du, Liebender des Guten, wirst mich finden
und kehrst dem Himmel deinen Rücken zu.

Ralph Waldo Emerson (1803–1882)

Das Original ist hier nachzulesen: https://www.poetryfoundation.org/poems/45868/brahma-56d225936127b

Sich nicht von den Nebelschwaden beirren lassen

Fotographik © wak

Die alte jüdische Legende von den 36 unbekannten Gerechten, die immer da sind und ohne deren Anwesenheit die Welt in Scherben fiele, sagt letztlich darüber etwas aus, wie notwendig solch ‚edelmütiges‘ Verhalten beim normalen Gang der Dinge ist. In einer Welt wie der unseren, in welcher die Politik in einigen Ländern es längst nicht mehr bei anrüchigen Seitensprüngen beläßt, sondern eine neue Stufe der Kriminalität erklommen hat, hat jedoch die kompromißlose Moralität plötzlich ihre alte Funktion, bloß die Welt zusammenzuhalten, verändert und ist zum einzigen Mittel geworden, mit dem die eigentliche Realität – im Gegensatz zur von Verbrechen entstellten und im Grunde nur kurzlebigen Faktizität – erkannt und planvoll gestaltet werden kann. Nur diejenigen, die noch in der Lage sind, sich nicht von den Nebelschwaden beirren zu lassen, die aus dem Nichts fruchtloser Gewalt hervortreten und sich wieder dorthin verflüchtigen, können mit so gewichtigen Dingen wie den ständigen Interessen und der Frage des politischen Überlebens einer Nation betraut werden.

Hannah Arendt: Frieden oder Waffenstillstand im Nahen Osten? In Hannah Arendt: Israel, Palästina und der Antisemitismus, Wagenbach. Berlin 1991, S. 39–75, hier S. 68

Welches Leiden quält dich?

Simone Weil / Foto: Archiv

In der frühen Gralssage heißt es von dem Gral, einem wunderbaren Stein, der durch die Kraft der konsekrierten Hostie jeden Hunger sättigt, dass er dem zu eigen gehört, der an den Hüter, einen von der schmerzlichsten Verwundung zu drei Vierteln gelähmten König, als erster die Frage stellt: „Welches Leiden quält dich?“ Die Fülle der Nächstenliebe besteht einfach in der Fähigkeit, den Nächsten fragen zu können: „Welches Leiden quält dich?“

Simone Weil (1909 – 1943) in ihrer Abhandlung „Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums im Hinblick auf die Gottesliebe“. In: Das Unglück und die Gottesliebe. München 1953, S. 107f.

Mehr zu Simone Weil hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2019/08/07/simone-weil-mystikerin-philosophin-rebellin-doing-nothing-am-8-september-2019-herzliche-einladung/

Ramana Maharshi und Doing Nothing / Mystikkreis Köln am 7. Juli 2019 / Herzliche Einladung

Herzliche Einladung zum Mystikkreis am 7. Juli 2019:

Ramana Maharshi (1879 -1950) war einer der strahlendsten und edelsten unter den Weisen Indiens.

Nach einer atemberaubenden inneren Reise zur Erleuchtung lebte er, umgeben von seinen Schülern, am Berg Arunachala in Süd-Indien hauptsächlich schweigend – antwortete jedoch auf Fragen spirituell Interessierter. Auch wenn er sich selbst nicht einmal als Guru bezeichnen würde, wird als der wichtigste Vertreter des Advaita Vedanta des 20. Jahrhunderts angesehen.
Er empfahl Ratsuchenden, die nach einer Übung fragten, die Methode Atma Vichara, die Ergründung des Selbst auf Grundlage der Frage: „Wer bin ich?“. Dutzende heutige westliche Satsang-Lehrer berufen sich auf ihn und sehen in ihm ein Vorbild. Seine Stille und seine Worte waren darüber hinaus Inspiration für viele seine Zeitgenossen. So schrieb zum Beispiel C.G. Jung über Ramana Maharshi „Das Ziel östlicher Praktik ist dasselbe wie das der westlichen Mystik: Der Schwerpunkt wird vom Ich zum Selbst, vom Menschen zu Gott verschoben; was bedeuten will, dass das Ich im Selbst, der Mensch in Gott verschwindet.“

Aus dem Buch „Be as you are“ über ihn von einem Zeitzeugen:
„Er beteiligte sich an der Gemeinschaftsarbeit des Ashrams und stand jahrelang um 3 Uhr morgens auf, um den Bewohnern das Essen zuzubereiten. Sein Gleichheitsgefühl war legendär. Wenn Besucher kamen, machte es keinen Unterschied, ob es sich nun um VIP´s, Bauern oder Tiere handelte – sie alle wurden mit gleichem Respekt und Rücksicht behandelt. Seine unterschiedlose Sorge erstreckte sich sogar auf die Bäume; er ermutigte seine Anhänger dazu, keine Blumen oder Blätter von ihnen zu pflücken, und er versuchte sicherzustellen, dass, wenn Früchte von den Ashram-Bäumen genommen wurden, dies so geschieht, dass die Bäume ein Minimum an Schmerzen erleiden. Während dieser Zeit (1925-50) war das Zentrum des Ashram-Lebens die große Halle, in der Sri Ramana schlief, aß und seine Schüler empfing. Den größten Teil des Tages verbrachte er in einer Ecke auf einem Sofa, wo er seine stille Kraft ausstrahlte und gleichzeitig Fragen von Besuchern aufgriff, die in einem ständigen Strom aus allen Ecken der Welt zu ihm pilgerten.“

Mit der Frage: Wer bin ich? zur Selbst-Erforschung-Fragen, die Ramana seinen Schülern gegeben hat,um zu ihrem wahren Selbst zu finden und vieles mehr, wollen wir uns am nächsten Mystiksonntag austauschen und auf Erfahrungsebene forschend annähern.

– – – Wenn jemand einfach nur Interesse an der Praxis des Doing Nothing hat, könnte er oder sie gerne erst um 12:00 dazu kommen. – – – –

Organisatorisches:
Damit wir besser planen können, bitten wir um frühzeitige Anmeldung bei
Rani Kaluza: Tel: 0221 2406997/ eMail: weissefeder@netcologne.de

Vielen Dank!

Wir treffen uns etwa ein Mal im Monat im Kölner Stadtteil Sülz.
An diesen Sonntagen wird für beides Zeit sein – für stilles kontemplatives Sitzen und für das Studieren mystischer Texte & Themen sowie den gemeinsamen Austausch. Der private Kurs ist auf 12 Teilnehmer beschränkt. Kostenbeitrag für den ganzen Tag: 15,– Euro (+ ein freiwilliger Obolus für den Mittagstisch). Kostenbeitrag nur für den Nachmittag: 10,– Euro.

Wir freuen uns auf Euer / Ihr Kommen:

Rani und Werner

Informationen und Anmeldung auch hier: https://www.facebook.com/events/2342174475825305/