Anteil an der Gestaltung der Welt

Fotographik: (c) wak

Doch nur die Gedanken sind etwas wert, die sich auf die intensivste Weise unserem Sein assimiliert haben, so dass selbst die leiseste Geste sie auszudrücken vermag. Sie sind Antwort, sind Melodie, die in uns eindringen, ohne dass wir es womöglich bemerken, und die uns überraschen, wenn sie aus unserem Herzen, in dem sie gereift sind, aufsteigen. Sie sind in ihm zum Blühen gekommen, sind von ihm gedacht worden und wurden Wissen. Durch derartiges inneres Wachstum nimmt der Mensch Anteil an der Gestaltung der Welt. Und dank des menschlichen Herzens können und werden noch neue Blumen entstehen.

Jean Gebser (1905 – 1973), GA 7, Schaffhausen 1986, S. 286 f.

Aus Geist entstand die Welt und gehet auf in Geist

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Wol der Gedanke bringt die ganze Welt hervor,
Der, welchen Gott gedacht, nicht den du denkst, o Thor.

Du denkst sie, ohne daß darum entsteht die Welt,
Und ohne daß, wenn du sie wegdenkst, sie wegfällt.

Aus Geist entstand die Welt, und gehet auf in Geist,
Geist ist der Grund, aus dem, in den zurück sie kreist.

Der Geist ein Aetherduft hat sich in sich gedichtet,
Und Sternennebel hat zu Sonnen sich gelichtet.

Der Nebel hat in Luft und Wasser sich zersetzt,
Und Schlamm ward Erd‘ und Stein, und Pflanz‘ und Thier zuletzt,

Und menschliche Gestalt, in der der Menschengeist
Durch Gottes Hauch erwacht, und Ihn, den Urgeist, preist.

Friedrich Rückert (1788 – 1866) in: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 2. Leipzig, 1837, S. 24

Geteilte Welten in Christus transzendieren

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Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen. Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“

Zuhörer in Corona-Zeiten ~ Werner A. Krebber

Wo finde ich nur einen Menschen,
der die Wörter zu vergessen weiß,
so dass ich einige Worte
mit ihm wechseln könnte.
Zuangzi / China

Sind manche Phasen ohnehin schon so, dass es einen Zuhörer braucht, ist das in einer Zeit, wie sie durch die Corona-Situation entstanden ist, um so drängender:

Menschen brauchen Zuhörende…

… die ihnen ein empathisches, vertrauensvolles und unabhängiges Gegenüber sind;

… die ihnen achtsam und konzentriert ihre volle Aufmerksamkeit schenken;

… die interessiert ihren Gedanken ohne Urteil und Bewertung folgen;

… bei denen ein geistiger Raum entsteht, in dem ihre Gedanken und Planungen in Ruhe beim Sprechen entwickelt werden können;

… die ihnen nicht Argumente, eigene Meinungen oder Ratschläge aufdrängen…

Ich bin für Sie da, bin Ihr Zuhörer – nehmen Sie Kontakt mit mir auf…

https://zuhoerer-ruhr.com/zuhoerer@email.de

Im Gehen entsteht der Weg

Foto: © wak

Wanderer, deine Spuren sind
der Weg, und sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
der Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und wenn man den Blick zurückwirft,
sieht man den Pfad, den man
nie wieder betreten wird.
Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur Kielwasser im Meer.

Antonio Machado ( 1875 – 1939 ) in: „Campos de Castilla“, 1917 ~ Übersetzung: Fritz Vogelgsang

Die Jugend besitzt ein instinktives Verständnis der heutigen Umwelt…

Erschienen: 1969, Ullstein-Verlag, Berlin

Die Jugend besitzt ein instinktives Verständnis der heutigen Umwelt – des elektrischen Dramas. Sie lebt mythisch und ganzheitlich. Dies ist der Grund für die große Entfremdung zwischen den Generationen. Kriege, Revolutionen, Bürgeraufstände entstehen an den Reibflächen der neuen Umwelten, welche die elektronischen Informationsmedien geschaffen haben.

Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges

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Und da ich nun schon auf hoher See dahinfahre und die vollen Segel dem Wind ausgesetzt habe: Es gibt im ganzen Weltkreis nichts Beständiges. Alles ist im Fluss, und jedes Bild wird gestaltet, während es vorübergeht. Ja, auch die Zeiten gleiten in ständiger Bewegung dahin, nicht anders als ein Strom.

Denn stillstehen kann weder der Fluss noch die flüchtige Stunde, sondern wie die Woge von der Woge getrieben wird und im Herankommen zugleich gedrängt wird und die Vorgängerin verdrängt, so fliehen die Zeiten und folgen zugleich. Stets sind sie neu; denn was vorher gewesen ist, das ist vorüber; es wird, was nicht war, und der Augenblick entsteht neu.

Publius Ovidius Naso (43 v u.Z- ca. 17 u.Z.)

Anteil an der Gestaltung der Welt

Foto: © wak

Nur die Gedanken sind etwas wert, die sich auf die intensivste Weise unserem Sein assimiliert haben, so dass selbst die leiseste Geste sie auszudrücken vermag. Sie sind Antwort, sind Melodie, die in uns eindringen, ohne dass wir es womöglich bemerken, und die uns überraschen, wenn sie aus unserem Herzen, in dem sie gereift sind, aufsteigen. Sie sind in ihm zum Blühen gekommen, sind von ihm gedacht worden und wurden Wissen. Durch derartiges inneres Wachstum nimmt der Mensch Anteil an der Gestaltung der Welt. Und dank des menschlichen Herzens können und werden noch neue Blumen entstehen.

Jean Gebser (1905 – 1973)