Wahrhaft lautes Denken

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Wenn du etwas wissen willst und es durch Meditation nicht finden kannst, so rate ich dir, mein lieber, sinnreicher Freund, mit dem nächsten Bekannten, der dir aufstößt, darüber zu sprechen. Es braucht nicht eben ein scharfdenkender Kopf zu sein, auch meine ich es nicht so, als ob du ihn darum befragen solltest: nein! Vielmehr sollst du es ihm selber allererst erzählen.

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Ein solches Reden ist wahrhaft lautes Denken. Die Reihen der Vorstellungen und ihrer Bezeichnungen gehen nebeneinander fort, und die Gemütsakte, für eins und das andere, kongruieren. Die Sprache ist alsdann keine Fessel, etwa wie ein Hemmschuh an dem Rade des Geistes, sondern wie ein zweites mit ihm parallel fortlaufendes, Rad an seiner Achse.

Heinrich von Kleist (1777 – 1811) in: Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden (1805)

Deiner Seele alle Unruhe ersparen

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Es steht bei dir,
über dies und das
dir keine Meinung zu bilden
und so deiner Seele
alle Unruhe zu ersparen.
Denn die Dinge selbst
können ihrer Natur nach
uns keine Urteile abnötigen.

Marc Aurel (121 – 180) in seinen „Selbstbetrachtungen“, Sechstes Buch, Nr. 52

Alles ist Meinung…

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Alles ist Meinung,
und diese hängt ganz von dir ab.
Räume also, wenn du willst,
die Meinung aus dem Wege,
und gleich dem Seefahrer,
der eine Klippe umschifft hat,
wirst du unter Windstille auf ruhiger See
in den sicheren Hafen einfahren.

Marc Aurel (121 – 180) in seinen „Selbstbetrachtungen“

Die Zeit auf die Seelenheiterkeit verwenden

 

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Erinnere dich, seit wie lange du die Ausführung verschiebst und wie oft dir die Götter günstige Gelegenheit gegeben haben, die du unbenutzt gelassen. Du solltest es doch einmal empfinden, von welcher Welt du ein Teil bist und von welchem Herrn der Welt dein Dasein seinen Ursprung hat, daß die Zeit für dich schon abgegrenzt ist; und wenn du sie nicht auf die Seelenheiterkeit verwendest, so schwindet sie dahin, und du schwindest selbst dahin, und sie kehrt nie zurück.

Marc Aurel (121 – 180) in: Selbstbetrachtungen. Zweites Buch, 4, Stuttgart, o.J., S. 25

Wir kommen weit her liebes Kind und müssen weit gehen…

Screenshot der Sendungsankündigung

Wir kommen weit her, liebes Kind
und müssen weit gehen.

Keine Angst,
alle sind bei Dir, die vor Dir waren.
Deine Mutter, Dein Vater,
und alle, die vor ihnen waren,
weit weit zurück.

Alle sind bei Dir, keine Angst.
Wir kommen weit her
und müssen weit gehen, liebes Kind.

Heinrich Böll (1917 – 1985) – kurz vor seinem Tod

Zitat aus der Sendung: Heinrich Böll – Ansichten eines Anarchisten. In der Ankündigung auf 3sat heißt es: Heinrich Böll gehörte zu den großen, wichtigen Stimmen des 20ten Jahrhunderts, sei es als Schriftsteller, sei es als moralische Instanz und Mahner. Was hat uns Heinrich Böll heute noch zu sagen? 

https://www.3sat.de/ansichten-eines-anarchisten-boell-100.html

Vergiss niemals das Anfangsherz!

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„Vergiss niemals das Anfangsherz!“
Wer werden will, muss kämpfen;
wer es zum Meister bringen will,
muss lernen, unermüdlich sich üben,
und wer ein Meister heißt,
der muss erst recht lernen, üben, ringen.
Anfangen müssen wir alle,
Tag um Tag, Jahr um Jahr,
Lebensepoche um Lebensepoche,
bis ins höchste Alter!
Vergiss Anfangen nicht!
Vergiss den Anfang nicht:
was du im Anfang hattest und was nicht,
im Können und im Nicht-Können.
Und so fahre fort!
Das ganze Leben hindurch!
Und so stehe du mitten im Sein!
Denn wer bist du denn?
„Vergiss den Anfang nicht.“
Vor dir war dein Geschlecht;
von Ahnen her bist du:
Vergiss jenen „Anfang“ nicht!
Du selber bist aber auch Anfang,
deine Zeit ist Anfang.
So sei es ganz!
Im ganzen Sein!
Dein Sein weitergebend!
So werden auch die nach dir,
von dir übernehmend,
wissen und verstehen,
Anfang zu sein.

Zeami Motokiyo (1363- 1443) in seinem „Blumenspiegel“

Gefunden habe ich den Text hier: https://www.nootheater.de/menu.html