Mit seinem eigenen Kopf denken

Der Mensch,
der mit seinem eigenen Kopf denkt
und dessen Herz unbestechlich bleibt,
ist frei.
Der Mensch,
der für das kämpft,
was er für richtig hält,
ist frei.

Ignazio Silone (1900-1978) in „Wein und Brot“

https://www.kiwi-verlag.de/buch/ignazio-silone-wein-und-brot-9783462016338

Du bist die Zukunft, großes Morgenrot

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Du bist die Zukunft, großes Morgenrot
über den Ebenen der Ewigkeit.
Du bist der Hahnschrei nach der Nacht der Zeit,
der Tau, die Morgenmette und die Maid,
der fremde Mann, die Mutter und der Tod.

Du bist die sich verwandelnde Gestalt,
die immer einsam aus dem Schicksal ragt,
die unbejubelt bleibt und unbeklagt
und unbeschrieben wie ein wilder Wald.

Du bist der Dinge tiefer Inbegriff,
der seines Wesens letztes Wort verschweigt
und sich den Andern immer anders zeigt:
dem Schiff als Küste und dem Land als Schiff.

Rainer Maria Rilke, 20.9.1901, Westerwede

Der ist der Herr der Erde…

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Novalis (1772 – 1801): Bergmannslied I

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schooß vergißt.

Wer ihrer Felsenglieder
Geheimen Bau versteht,
Und unverdrossen nieder
Zu ihrer Werkstatt gellt.

Er ist mit ihr verbündet,
Und inniglich vertraut,
Und wird von ihr entzündet,
Als wär‘ sie seine Braut.

Er sieht ihr alle Tage
Mit neuer Liebe zu
Und scheut nicht Fleiß und Plage,
Sie läßt ihm keine Ruh.

Die mächtigen Geschichten
Der längst verfloßnen Zeit,
Ist sie ihm zu berichten
Mit Freundlichkeit bereit.

Der Vorwelt heilge Lüfte
Umwehn sein Angesicht,
Und in die Nacht der Klüfte
Strahlt ihm ein ewges Licht.

Er trift auf allen Wegen
Ein wohlbekanntes Land,
Und gern kommt sie entgegen
Den Werken seiner Hand.

Ihm folgen die Gewässer
Hülfreich den Berg hinauf;
Und alle Felsenschlösser,
Thun ihre Schätz‘ ihm auf.

Er führt des Goldes Ströme
In seines Königs Haus,
Und schmückt die Diademe
Mit edlen Steinen aus.

Zwar reicht er treu dem König
Den glückbegabten Arm,
Doch frägt er nach ihm wenig
Und bleibt mit Freuden arm.

Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld;
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt.

Novalis / Friedrich von Hardenberg (1772 – 1801) in: Heinrich von Ofterdingen (1800-1801)
Erster Theil: Die Erwartung / Fünftes Kapitel.
https://www.hs-augsburg.de/~harsch/germanica/Chronologie/19Jh/Novalis/nov_ph15.html

Den Punkt Omega niemals aus den Augen lassen

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Die Wirren unsrer Zeit, die Naturkatastrophen, die Angst, die Weltuntergangsstimmung, das alles ist nichts als die Geburtswehen des „Gottesreiches“. Wir dürfen diesen Punkt Omega niemals aus den Augen lassen, niemals, sonst stehen wir diese „Endzeit“ nicht durch. Und wenn nun wirklich unsere Erde zerstört wurde durch „das Feuer vom Himmel“, wie die Apokalypse sagt? Nun, was wird da zerstört? Nur die Materie. Nur das Biologische unserer Existenz. Das Eigentliche, der Geist, unser göttliches Teil, das bleibt.

Zeiten-Ende. Tagebuchzitat (1979-1982) von Luise Rinser in Anlehnung an Teilhard de Chardin

Ausführlicher ist dieses Rinser-Zitat hier nachzulesen:

MAGISCHE BLÄTTER, BUCH X
CIII. Jahrgang, Mai 2022, Heft 5 / Thema: VON JACOB BÖHME ÜBER DIE ROMANTIK ZUM BÖHME-BUND

Bestellt werden kann die Ausgabe hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Mehr hier: https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift-magische-bl%C3%A4tter

Weigere dich das Übel anzuerkennen

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Weigere dich, das Übel anzuerkennen,
verachte seine Macht, übersieh es,
richte deine Aufmerksamkeit auf etwas anderes!

Wenn dann auch die Tatsachen
trotzdem bestehen bleiben:
das Übel in ihnen besteht doch nicht mehr,
wenigstens für dich nicht.
Da sie also für dich
nur durch deine Vorstellung von ihnen
gut oder schlimm werden,
so muß die Leitung deiner Vorstellungen
deine Hauptaufgabe sein.

William James (1842-1910) in: Die religiöse Erfahrung in ihrer Mannigfaltigkeit. Leipzig 1907, S. 85

Selber versuchen sich zu wandeln

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Grundbedingung für das Leben
jedes Einzelnen ist und bleibt,
dass er selber versuche,
sich zu wandeln.
Dass er lerne, die Knüppel,
welche man ihm vor die Füße wirft,
nicht als Hindernisse,
sondern als Sprungbretter zu benützen.

Jean Gebser (1905 – 1973)

Alles würde besser gehen wenn man mehr ginge

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Ich … bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen. Das Gefühl dieser Wahrheit scheint unaustilgbar zu sein.

Johann Gottfried Seume (1763–1810) in „Mein Sommer“ / 1805

… hat uns der Lotus seit jeher entzückt

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Zuerst erblüht im Westlichen Paradies,
Hat uns der Lotus seit jeher entzückt.
Seine weißen Blüten sind bedeckt mit Tau,
Seine jadegrünen Blätter dehnen sich über den Teich,
Und der Wind ist erfüllt von seinem reinen Duft.
Kühl und majestätisch
Erhebt er sich aus dem trüben Wasser.
Die Sonne versinkt hinter den Bergen,
Doch ich bleibe noch im Dunkel hier,
Viel zu verzaubert, um schon zu gehen.

Ryokan (1758 – 1831)