Alles würde besser gehen wenn man mehr ginge

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Ich … bin der Meinung, daß alles besser gehen würde, wenn man mehr ginge. Man kann fast überall bloß deswegen nicht recht auf die Beine kommen und auf den Beinen bleiben, weil man zuviel fährt. Wer zuviel in dem Wagen sitzt, mit dem kann es nicht ordentlich gehen. Das Gefühl dieser Wahrheit scheint unaustilgbar zu sein.

Johann Gottfried Seume (1763–1810) in „Mein Sommer“ / 1805

Die Zeit auf die Seelenheiterkeit verwenden

 

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Erinnere dich, seit wie lange du die Ausführung verschiebst und wie oft dir die Götter günstige Gelegenheit gegeben haben, die du unbenutzt gelassen. Du solltest es doch einmal empfinden, von welcher Welt du ein Teil bist und von welchem Herrn der Welt dein Dasein seinen Ursprung hat, daß die Zeit für dich schon abgegrenzt ist; und wenn du sie nicht auf die Seelenheiterkeit verwendest, so schwindet sie dahin, und du schwindest selbst dahin, und sie kehrt nie zurück.

Marc Aurel (121 – 180) in: Selbstbetrachtungen. Zweites Buch, 4, Stuttgart, o.J., S. 25

Mystik aktuell: Editorial | Update 02_2021

„Wann, wenn nicht Jetzt“ heißt es im Untertitel des Blogs „Mystik aktuell“. Ganz so, wie es Sosan um 600 formuliert hat: „Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.“

Werner Anahata Krebber | Foto: privat

Auf dem sprituellen Weg können Texte aus der mystischen Tradition wie aus der Gegenwart Begleiter sein, die eigene Verortung neu zu buchstabieren oder zu vertiefen. Dabei greife ich für den Blog „Mystik aktuell“ neben eigenen Beiträgen auf Quellen zurück, die weit über die eigene spirituelle Herkunft hinausgehen neue Zugänge ermöglichen können: interreligiös, interspirituell, transkonfessionell, interkulturell. Stammen sie geographisch oder spirituell auch von weit her, so können sie Anstoß, Anregung, Ansprache sein – immer neu sind sie danach zu befragen, welche Bedeutung sie für jede/n Einzelne/n haben. Jetzt. Und auch so, wie es Robert Musil (1880 – 1942) in seinem „Mann ohne Eigenschaften“ formuliert hat:

Ich sehe mir den heiligen Weg
mit der Frage an,
ob man wohl auch
mit einem Kraftwagen auf ihm fahren könnte!

In diesem Sinne viel anregende Lektüre!

Werner Anahata Krebber im Februar 2021

Täglich mehr hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Nicht verhandelbares Wissen

Weil wir uns vollkommen auf unser alten Wissen verlassen, nehmen wir den Standpunkt ein, dass wir die gegenwärtigen Erscheinungsformen der Realität, ihre Manifestationen kennen. Nicht wahr? Glauben Sie nicht, Sie wüssten, was vor sich geht? Fühlen und denken Sie nicht, Sie wüßten, wer Sie sind und was Sie sind, wer und was die Menschen in Ihrem Leben sind, was sie von Ihnen wollen, was Sie von ihnen wollen? Die meisten von uns laufen herum und sind voll von diesem nicht verhandelbaren Wissen darüber, was es mit allem auf sich hat. Sie tun das sogar bei ihren spirituellen Übungen. Sie haben alle möglichen tiefen Erfahrungen, doch sie betrachten sie aus der Perspektive, sie wüßten, was mit ihnen geschehen sollte. Sie glauben zu wissen, was gut für sie ist. Sie nehmen den Inhalt dieses alten Wissens als wäre es absolute Wahrheit.

Auf eine gewisse fundamentale Art weiß man überhaupt nicht, was gerade geschieht. Man weiß nicht, was passieren wird.

A. H. Almaas (* 1944) im Kapitel „Nichtwissen“ seines Buches „Forschungsreise ins innere Universum“, o.O. 2007, S. 133

 

Euch an die Schwelle eures eigenen Geistes führen

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Niemand kann euch etwas eröffnen, das nicht schon im Dämmern eures Wissens schlummert. Der Lehrer, der zwischen seinen Jüngern im Schatten des Tempels umhergeht, gibt nicht von seiner Weisheit, sondern eher von seinem Glauben und seiner Liebe. Wenn er wirklich weise ist, fordert er euch nicht auf, ins Haus seiner Weisheit einzutreten, sondern führt euch an die Schwelle eures eigenen Geistes.

Khalil Gibran (1883 – 1931) in: Der Prophet, Zuerich/Düsseldorf 1998, S. 87