Suchender und Findender werden

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…ich sprach in dieser Weise:
dass der Mensch ein Gott in allen Dingen suchender
und ein Gott zu aller Zeit
und an allen Stätten
und bei allen Leuten
in allen Weisen
findender Mensch werden müßte.
Darin kann man allzeit
ohne Unterlaß zunehmen und wachsen
und nimmer an ein Ende kommen des Zunehmens.

Meister Eckhart (1260 bis 1328) in „Reden der Unterweisung“, XXII

Der Beitrag ist zuerst hier erschienen: https://mystikaktuell.wordpress.com/

Geheimnisse der Ewigkeit erzählen

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Die Poesie der Mystik könnte einerseits als eine temperamentvolle Reaktion auf die Vision der Wirklichkeit definiert werden: andererseits als eine Form der Prophetie. Wie es die besondere Berufung des mystischen Bewusstseins ist, zwischen zwei Ordnungen zu vermitteln, indem es in liebender Anbetung zu Gott hinausgeht und nach Hause kommt, um anderen Menschen die Geheimnisse der Ewigkeit zu erzählen, so hat auch der künstlerische Selbstausdruck dieses Bewusstseins einen doppelten Charakter. Es ist Liebesdichtung, aber Liebesdichtung, die oft in missionarischer Absicht geschrieben ist.

Evelyn Underhill (1875 – 1941) in ihrer Einleitung zu „The Songs of Kabir“, 1915

Ohne Bestand sind die wir Elemente benennen

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Ohne Bestand sind auch, die wir Elemente benennen.
Was für Wechsel sie trifft, – merkt auf – ich will es verkünden.
Vier Grundstoffe bewahrt, die alles erzeugen, des Weltalls
Ewiger Bau. Zwei haben Gewicht: mit der Erde die Welle,
Die gehn nieder zum Grund, von der eigenen Schwere gezogen.
Ebensoviel sind ohne Gewicht und streben zur Höhe,
Frei vom Drucke: die Luft und, reiner als jene, das Feuer.
Daraus, wenn sie getrennt auch sind, nimmt seine Entstehung
Alles, in sie fällt alles zurück. Das zersetzete Erdreich
Löst sich in flüssiges Naß, und das flüchtig gewordene Wasser
Schwindet in Dunst und Luft, und wieder, enthoben der Schwere,
Schwingt sich die dünneste Luft in die Höhe zum feurigen Aether.
Dann geht wieder der Weg rückwärts in der nämlichen Folge.
Denn in die trägere Luft geht über verdichtetes Feuer;
Wasser entsteht aus der Luft; zum Erdreich ballt sich die Welle.

Publius Ovidius Naso / Ovid (+ um 17 u.Z.) in: Metamorphosen. Übertragung von Johann Heinrich Voß (1798)

Hier spricht Meister Eckhart vom Grund

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Die Predigergemeinde in Erfurt hat gemeinsam mit Marc Oschmann ein Bodendenkmal zu den Erfurter Reden von Meister Eckhart geschaffen. Vor jener Predigerkirche, in dessen Kloster Meister Eckhart einige Jahre gelebt, gearbeitet, gepredigt hat. Am Westportal begegnen Passantinnen und Passanten in den Sandstein sieben eingelassenen Zitate von Meister Eckhart. So spricht der Lesemeister vom Grund…

Die Zitate und Fotos von Friederike Hempel sind hier zu finden: https://mystikaktuell.wordpress.com/2021/05/26/wo-meister-eckhart-vom-grund-spricht/

Geteilte Welten in Christus transzendieren

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Wenn ich in mir das Denken und die Frömmigkeit der östlichen und westlichen Christenheit, der griechischen und lateinischen Väter, der Russen mit den spanischen Mystikern vereinige, kann ich in mir die Wiedervereinigung der getrennten Christen vorbereiten. Von dieser geheimen und unausgesprochenen Einheit in mir selbst kann schließlich eine sichtbare und manifeste Einheit aller Christen entstehen. Wenn wir zusammenbringen wollen was geteilt ist, können wir dies nicht tun, indem wir eine Spaltung über die andere stülpen oder die eine Spaltung in die anderen. Wenn wir das aber tun, ist die Vereinigung nicht christlich. Sie ist politisch, und zu weiteren Konflikten verdammt. Wir müssen alle geteilten Welten in uns enthalten und sie in Christus transzendieren.

Thomas Merton (1915 – 1968) in „Conjectures of a Guilty Bystander“