Erinnerungen an Anna O.

Mit einer Datenbank erinnert Gelsenkirchen an die durch die Schrecken des Nationalsozialismus Verfolgten Jüdinnen und Juden während der Zeit von 1933 – 1945. Unter ihnen ist auch Anna O. – mit ihr habe ich vor einigen Jahren ein Interview geführt:

https://wernerkrebber.wordpress.com/2016/12/16/anna-o-die-wollten-gar-nicht-dass-wir-da-ankamen/

Zur Datenbank geht es hier:

https://www.gelsenkirchen.de/de/Stadtprofil/Stadtgeschichten/Juedische_Verfolgte_in_Gelsenkirchen_1933-1945/index.aspx

Im Hinweistext zur Datenbank heißt es: Diese zentrale Datenbank sammelt die Namen der Jüdinnen und Juden, die in den Jahren 1933 bis 1945 in Gelsenkirchen Opfer nationalsozialistischer Verfolgung wurden. Sie enthält Informationen zum Schicksal von mehr als 2.000 jüdischen Gelsenkirchenerinnen und Gelsenkirchenern und wird laufend erweitert. Die Datenbank informiert sowohl über Menschen, die schon lange in der Stadt ansässig waren, als auch über jene, die nur vorübergehend hier lebten. Sie enthält darüber hinaus die Namen jüdischer Zwangsarbeiterinnen aus Ungarn, die 1944 in einem KZ-Außenlager in Gelsenkirchen inhaftiert waren.

In Zukunft wird es womöglich einen Beruf geben der Zuhörer heißt…

Byung-Chul Han in: „Die Austreibung des Anderen“

Julia Groesch https://www.facebook.com/julia.grosch.5
macht mich darauf aufmerksam – und auf mich…

Das Zitat war hier: Martin Leitner – Achtsame Begleitung von Menschen und Organisationen
https://www.facebook.com/martinleitner.at

Werner A. Krebber – Zuhörer Ruhr

https://zuhoerer-ruhr.com/

https://www.facebook.com/zuhoererruhr/

 

Stephanie von Hayek: Als die Tage ihr Licht verloren. Roman

Stephanie von Hayek

Als die Tage ihr Licht verloren

Roman

Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2019

304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag . 20,– €

EAN 978-3-86612-466-0

 

„Der Hackenholt, der kennt den Himmler, sagt man“. Und Himmler nennt Hackenholt einen „der verdientesten Männer der Aktion Reinhard“. Will heißen: „Nach 1945 war Lorenz Hackenholt einer der meistgesuchten NS-Verbrecher, ihm wurde Mord in 70.000 und Beihilfe in 1,5 Millionen Fällen vorgeworfen.“ So zu lesen im Nachwort von Stephanie von Hayeks mehr als eindrucksvollem Roman „Als die Tage ihr Licht verloren“.

Die Nationalsozialisten gewinnen an Einfluss

Davon haben Linda und Brigitte, die beiden Hoffmann-Schwestern, zu Beginn der Geschichte noch nichts gewusst, als sie im Berlin der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Zukunft gestalten wollen. Lebendig und lebensfroh, freiheitsliebend und voller Tatendrang. Eng befreundet sind die beiden Frauen mit Lene; einer Schulfreundin, die ein wenig älter und bereits verheiratet ist. Fast schicksalhaft verstrickt sie diese Freundschaft mit Lenes Mann Arnold, der als einer der ersten in die NSDAP eingetreten ist.

Doch noch scheint alles in Ordnung zu sein bei den jungen Frauen. Zumindest in jenem ersten Teil des Buches, der in den Jahren 1932 – 1938 spielt.

Ihren Lebensunterhalt verdienen Linda und Gitte in verschiedenen Büros: Linda im Kaufhaus Tietz, Gitte in einer Abteilung des Reichsministeriums des Inneren. Doch bald schon wird Linda von der Tristesse ihrer Arbeit erlöst, da sie in dem Geschäft der Schuhfabrik ihres Freundes Erich eine Anstellung findet. Gitte muss sich dagegen mit einem strengen Chef auseinandersetzen, der mehr und mehr in die politischen Veränderungen verstrickt ist.

Das Schicksal nimmt für Linda seinen Lauf, als der Freund Erich eingezogen wird und ihr zunächst noch beständig von der Front schreibt. Doch plötzlich bleiben seine Briefe aus… In ihrem Kopf verstärkt sich der Eindruck, dass er gefallen sei. Sie wird schwer krank…

„Mitten unter uns“ ist nun der zweite Teil des Buches überschrieben, der in den Jahren 1939 und 1940 spielt. Und wenig später kommt auch Lorenz Maria Hackenholt vor. Er ist einer jener Männer, die man von der SS aus Oranienburg geholt hatte. Ein Vorgesetzter „nordet sie ein“, lässt die Männer wissen, um was es für sie bei der neu gegründeten „Gemeinnützigen Kranken-Transport GmbH“ geht.

Fahren und Leichen verbrennen

Das Grauen beginnt für die Familie endgültig, als Linda völlig niedergeschlagen vorgefunden wird. Zur Beruhigung von Linda, so empfiehlt ein Arzt, solle sie in eine Heil- und Pflegeanstalt.

Lorenz Hackenholt ist zur gleichen Zeit dabei, sich einzurichten. Bei der SS -Totenkopfstandarte in Oranienburg hatte er bereits das Rüstzeug für den Job bekommen, den er jetzt ausübt. Fahren ist für ihn eines, Leichen zu verbrennen ein anderes. Aber ihn lockt Geld und die Aussicht eines sozialen Aufstiegs.

Im Schuhladen von Erich Kupfer hat nun der Angestellte Ewald das Sagen, der sich mit dem System früh arrangiert hat, ihm nahesteht. Und auch Gitte werden im Ministerium durchaus Hoffnungen für ihre Zukunft gemacht – vor allem, wenn sie in die Partei ginge. Linda jedoch ist erst noch in der Anstalt Buch, der größten Irrenanstalt im Norden Berlins. Während Gitte dabei ist, Geld für eine Emigration zu besorgen, flieht Linda nach einem Unfall des Anstaltsbusses zunächst zurück nach Berlin. Den Bus fährt Hackenholt und Linda hat ihn gleich als einen der Nazi-Kunden in Erichs Schuhgeschäft erkannt.

Unerwarteter Tod in der Pflegeanstalt

Der dritte Teil spielt 1940 und beginnt mit einem Brief der Landespflegeanstalt Brandenburg, in dem mitgeteilt wird, dass Linda „plötzlich und unerwartet an einer Hirnschwellung verstorben ist“. Linda jedoch macht sich mit einem Freund in Richtung Schweden auf. Die Gegebenheiten haben sich zwischenzeitig im wahrsten Sinne des Wortes gewaltig geändert: Nicht nur, dass an Erichs altem Schuhladen inzwischen Hakenkreuz-Wimpel am Eingang wehen…

 

Stephanie von Hayek hat mit dem Buch „Als die Tage ihr Licht verloren“ einen Roman vorgelegt, der ebenso mitreißend wie bewegend geschrieben ist. Er ist zeitgeschichtlich von großer Bedeutung, da er anhand konkreter Menschen Probleme aufzeigt, die das grauenhafte Zusammenwirken von totalitärer Herrschaft und gnadenloser Mordlust benennt.

Gepackt hat mich das Buch auch deshalb, weil es bei mir auf einen persönlichen Hintergrund trifft. Lorenz Maria Hackenholt war ein Bruder meines Nachbarn Theodor, der viele Jahre neben uns in Gelsenkirchen gewohnt hat und lange verstorben ist. Manche seiner hektischen und getrieben scheinenden Handlungen habe ich als Kind nicht wirklich verstehen können. Nach einigen Informationen, eigenen Recherchen und dem Buch von Stephanie von Hayek ist mir vieles von dem nachvollziehbarer geworden, was ihn, einen anderen Bruder und seine Schwestern wohl umgetrieben haben wird.

Das Nachwort des Buches hört auf. Die Mordaktionen von Lorenz Hackenholt sind jedoch noch weitergegangen; offensichtlich gnadenlos hat er eine grausame Spur des Todes hinterlassen: Belzec, Sobibor, Treblinka, Triest…

© Werner A. Krebber

 

Erstmals aufmerksam geworden auf die Rolle von Lorenz Maria Hackenholt bin ich durch den Gerstein-Bericht, u.a. hier zu finden: https://www.lwl.org/lmz-download/medienproduktion/booklet_gerstein.pdf

Zu Lorenz Maria Hackenholt siehe auch hier: http://www.deathcamps.org/euthanasia/hackenholtstory_de.html

Rund 500 Meter vom Elternhaus des Lorenz Hackenholt entfernt hat Anna Otto gewohnt; sie überlebte als sogenannte „Judenchristin“ das Konzentrationslager Theresienstadt. Ein Interview, das ich vor vielen Jahren mit ihr geführt habe, findet sich hier: https://wernerkrebber.wordpress.com/2016/12/16/anna-o-die-wollten-gar-nicht-dass-wir-da-ankamen/

 

Menschen brauchen Zuhörende

Screenshot der Startseite https://zuhoerer-ruhr.com/

Wir leben in einer rasanter gesellschaftlicher und sozialer Umbrüche. Es gibt immer weniger Raum dafür, dass Menschen einfühlsam Menschen zuhören. Vor allem aber: Immer seltener können Menschen individuelle Fragen, Probleme, Schwierigkeiten und Herausforderungen bei kompetenten Menschen loswerden, sich in einem vertrauensvollen Umfeld mit-teilen. Im Beruf sind und werden immer mehr Aufgaben und Arbeiten automatisiert, Personal wird dramatisch reduziert. Arbeiten werden von zuhause am Computer via Home Office erledigt.
Die Arbeitsverdichtung sorgt dafür, dass von immer weniger Mitarbeitern und Kollegen immer mehr zu erledigen ist. Und der Ton untereinander ist rauer geworden – Mobbing ist ebenso an der Tagesordnung, wie es Belästigungen unterschiedlicher Art sind.

Die Isolation schreitet stetig voran

Menschen ohne Arbeit sind immer mehr isoliert, ziehen sich aus sozialen Zusammenhängen zurück und vereinsamen zunehmend.

Einzelne und Familien sind in immer stärkerer Weise eingebunden – und auch hier werden jene Phasen immer knapper, wo jemandem noch achtsam zugehört werden kann.

Der demographische Wandel lässt immer mehr Menschen ohne ein sozial adäquates Umfeld alt werden. Immer mehr Menschen leben alleine und isoliert. Alleine auch mit ihren Gedanken, Vorstellungen, Wünschen und Schwierigkeiten.

Menschen brauchen Zuhörende

Wo es vor allem in der Vergangenheit noch ausreichend Anlaufstellen gab, seine Nöte und Sorgen abzuladen, ziehen die sich seit Jahren schon immer weiter hinter verschlossene Türen zurück, lassen die Menschen in ihren Ängsten, Sorgen und Fragen weitgehend allein. Hier kann ein niederschwelliges Angebot – quasi säkularer Seelsorge – ansetzen: institutionell unabhängig und interspirituell geprägt. Denn das Ende dieser Entwicklungen ist noch nicht abzusehen. Aber es braucht ganz dringend eine Veränderung dieser Situationen, es braucht offene Ohren, es braucht ebenso unabhängige wie kompetente Zuhörende, deren Verschwiegenheit man sicher sein kann.

© Werner A. Krebber, Zuhörer

 

Mehr hier auf meiner Seite: https://zuhoerer-ruhr.com/