Hannah Buchholz: Blog Pausen Buch

Mehr hier:  https://wernerkrebber.wordpress.com/2019/08/14/schreiben-um-zu-beruehren-hannah-buchholz-legt-ein-blog-pausen-buch-vor-fuenf-tage-im-august/

Auf ihrem Blog schreibt Hannah Buchholz:

„Heute ist mein neues Buch – das „Blog Pausen Buch“ – erschienen.

Ab nächster Woche ist es lieferbar.

Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-944716-80-0.

Das Büchlein umfasst 104 Seiten und kostet 7.50 Euro.“

Hier kann es bestellt werden: https://schillo-verlag.de/produkt/blog-pausen-buch

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Welches Leiden quält dich?

Simone Weil / Foto: Archiv

In der frühen Gralssage heißt es von dem Gral, einem wunderbaren Stein, der durch die Kraft der konsekrierten Hostie jeden Hunger sättigt, dass er dem zu eigen gehört, der an den Hüter, einen von der schmerzlichsten Verwundung zu drei Vierteln gelähmten König, als erster die Frage stellt: „Welches Leiden quält dich?“ Die Fülle der Nächstenliebe besteht einfach in der Fähigkeit, den Nächsten fragen zu können: „Welches Leiden quält dich?“

Simone Weil (1909 – 1943) in ihrer Abhandlung „Betrachtungen über den rechten Gebrauch des Schulunterrichts und des Studiums im Hinblick auf die Gottesliebe“. In: Das Unglück und die Gottesliebe. München 1953, S. 107f.

Mehr zu Simone Weil hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/2019/08/07/simone-weil-mystikerin-philosophin-rebellin-doing-nothing-am-8-september-2019-herzliche-einladung/

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister…

Foto: © wak

Werkleute sind wir: Knappen, Jünger, Meister,
und bauen dich, du hohes Mittelschiff.
Und manchmal kommt ein ernster Hergereister,
geht wie ein Glanz durch unsre hundert Geister
und zeigt uns zitternd einen neuen Griff.

Wir steigen in die wiegenden Gerüste,
in unsern Händen hängt der Hammer schwer,
bis eine Stunde uns die Stirnen küßte,
die strahlend und als ob sie alles wüßte
von dir kommt, wie der Wind vom Meer.

Dann ist ein Hallen von dem vielen Hämmern
und durch die Berge geht es Stoß um Stoß.
Erst wenn es dunkelt, lassen wir dich los:
Und deine kommenden Konturen dämmern.

Gott, du bist groß.

Rainer Maria Rilke, 26.9.1899, Berlin-Schmargendorf

Schreiben um zu berühren – Hannah Buchholz legt ein „Blog Pausen Buch“ vor / Fünf Tage im August

Was macht eine Lyrikerin, wenn sie ihren Blog im Internet pausieren lässt? Sie hält ihre Gedichte in einem Buch fest. So jedenfalls aktuell die Münchener Lyrikerin Hannah Buchholz, die Gedichte aus fünf Tagen im August in fünf Kapiteln eingefangen hat. Dabei bleibt Hannah Buchholz jedoch nicht stehen, denn sie hat die Gedichte nicht nur für sich festgehalten, sondern gibt sie jetzt auch weiter: Lyrisch umgesetzt und offline für die Lektüre in einem Buch aufbereitet. So liegen die Gedichte dieser Tage nun in ihrem „Blog Pausen Buch“ vor.

„Schreiben wir nicht immer, um zu berühren?“ fragt Hannah Buchholz in ihrem „Blog Pausen Buch“. Und sie schreibt nicht nur so, wie Leserinnen und Leser es bereits aus ihrem Blog kennen – hier wie dort im Rhythmus des Haikus mit seinen Moren. Sie entgeht mit dieser spannenden Form des Pausenbuches geschickt der Gefahr des allzu flüchtigen und versehentlich voreiligen Wegklickens, weil den vom Wort Berührten, auch hier berührt, was sie schreibt: „Klare Worte“, formuliert sie „die tiefsten Worte, die ich – für dich – finden kann!“ – Und das fast noch intensiver und noch direkter als im Blog schon, wie mir scheint:

Berührt dich: mein Wort –
– in deiner tiefsten Tiefe?
Nur dann ist es: gut!

Die lyrischen Texte von Hannah Buchholz treffen Leserinnen und Leser ganz direkt und existenziell. „Wissen wir, wer wir sind?“ fragt sie. Von Zweifel und verzweifeln schreibt sie. Und sie nimmt den Leser mit in die Strukturen ihres eigenen Zweifels: „Die Worte fallen nicht – die Worte stürzen“. Wer aber, so fragt sie auch, hat dann die Deutungshoheit? Es ist also kein Wunder, dass es in all den Texten dieses Buches mehr Frage- als Ausrufezeichen gibt.

Abgeholt wird der Leser auch mit eigenen Themen wie Sehnsucht, Wünschen, Träumen. Der Spannung von Liebe, Schicksal und Zufall. Denn zu überwinden sind jene Grenzen, die von der Phantasie überwunden werden, überwunden werden können:

Grenzen? Lächerlich!
Grenzenlos: die Phantasie!
Grenzenlos: mein Wort!

Hannah Buchholz warnt ihre Leserinnen und Leser allerdings auch. Warnt davor, die Worte des lyrischen Ich mit dem realen, physischen Ich zu verwechseln. Warnt, nicht genug auf den Grund zu gehen, die Worte nicht ausreichend zu ergründen, um sie dann aber auch wieder frei zu geben.

Nimm: meine Worte –
und mach damit, was du willst –
wann immer du willst!

Am Ende, am fünften Tag, hat Hannah Buchholz Liebeserklärungen formuliert, die wieder zeigen, dass es eine Trennung von öffentlich und privat für sie kaum gibt. Sie schließt das „Blog Pausen Buch“ mit den Worten

Du bist der eine –
der mich einfach nur fest hält –
und zum Schweigen bringt!

Ich selbst hoffe sehr, dass das Schweigen nicht allzu lange anhält, denn die Texte laden ein, in Resonanz zu gehen, sich berühren zu lassen…

Werner A. Krebber, 13. August

 

Auf ihrem Blog schreibt Hannah Buchholz:

„Heute ist mein neues Buch – das „Blog Pausen Buch“ – erschienen.

Ab nächster Woche ist es lieferbar.

Die ISBN-Nummer lautet: 978-3-944716-80-0.

Das Büchlein umfasst 104 Seiten und kostet 7.50 Euro.“

Mehr Informationen und Bestellmöglichkeiten hier: https://schillo-verlag.de/produkt/blog-pausen-buch

Nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller sein

… Daher ist die Literatur, deren Funktion eine weltliche ist, mit der Geistlichkeit nicht vereinbar; die eine ist Umweg, Ornament, Schleier, die andere Unmittelbarkeit, Blöße: weshalb man nicht zugleich Heiliger und Schriftsteller sein kann. So ist der Text des Ignatius, meint man, geläutert von jeder Berührung mit den Verführungen und Illusionen der Form, kaum Sprache: er ist einfach der neutrale Weg, der die Vermittlung einer geistigen Erfahrung gewährleistet. Und so bestätigt sich wieder einmal der Platz, den unsere Gesellschaft der Sprache zuweist: sie ist entweder Dekoration oder Instrument.

Roland Barthes über die „Exerzitien“ des Ignatius von Loyola. In: Sade Fourier, Loyola, Frankfurt/M. 1974

 

Stephanie von Hayek: Als die Tage ihr Licht verloren. Roman

Stephanie von Hayek

Als die Tage ihr Licht verloren

Roman

Pendo Verlag in der Piper Verlag GmbH, München 2019

304 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag . 20,– €

EAN 978-3-86612-466-0

 

„Der Hackenholt, der kennt den Himmler, sagt man“. Und Himmler nennt Hackenholt einen „der verdientesten Männer der Aktion Reinhard“. Will heißen: „Nach 1945 war Lorenz Hackenholt einer der meistgesuchten NS-Verbrecher, ihm wurde Mord in 70.000 und Beihilfe in 1,5 Millionen Fällen vorgeworfen.“ So zu lesen im Nachwort von Stephanie von Hayeks mehr als eindrucksvollem Roman „Als die Tage ihr Licht verloren“.

Die Nationalsozialisten gewinnen an Einfluss

Davon haben Linda und Brigitte, die beiden Hoffmann-Schwestern, zu Beginn der Geschichte noch nichts gewusst, als sie im Berlin der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts ihre Zukunft gestalten wollen. Lebendig und lebensfroh, freiheitsliebend und voller Tatendrang. Eng befreundet sind die beiden Frauen mit Lene; einer Schulfreundin, die ein wenig älter und bereits verheiratet ist. Fast schicksalhaft verstrickt sie diese Freundschaft mit Lenes Mann Arnold, der als einer der ersten in die NSDAP eingetreten ist.

Doch noch scheint alles in Ordnung zu sein bei den jungen Frauen. Zumindest in jenem ersten Teil des Buches, der in den Jahren 1932 – 1938 spielt.

Ihren Lebensunterhalt verdienen Linda und Gitte in verschiedenen Büros: Linda im Kaufhaus Tietz, Gitte in einer Abteilung des Reichsministeriums des Inneren. Doch bald schon wird Linda von der Tristesse ihrer Arbeit erlöst, da sie in dem Geschäft der Schuhfabrik ihres Freundes Erich eine Anstellung findet. Gitte muss sich dagegen mit einem strengen Chef auseinandersetzen, der mehr und mehr in die politischen Veränderungen verstrickt ist.

Das Schicksal nimmt für Linda seinen Lauf, als der Freund Erich eingezogen wird und ihr zunächst noch beständig von der Front schreibt. Doch plötzlich bleiben seine Briefe aus… In ihrem Kopf verstärkt sich der Eindruck, dass er gefallen sei. Sie wird schwer krank…

„Mitten unter uns“ ist nun der zweite Teil des Buches überschrieben, der in den Jahren 1939 und 1940 spielt. Und wenig später kommt auch Lorenz Maria Hackenholt vor. Er ist einer jener Männer, die man von der SS aus Oranienburg geholt hatte. Ein Vorgesetzter „nordet sie ein“, lässt die Männer wissen, um was es für sie bei der neu gegründeten „Gemeinnützigen Kranken-Transport GmbH“ geht.

Fahren und Leichen verbrennen

Das Grauen beginnt für die Familie endgültig, als Linda völlig niedergeschlagen vorgefunden wird. Zur Beruhigung von Linda, so empfiehlt ein Arzt, solle sie in eine Heil- und Pflegeanstalt.

Lorenz Hackenholt ist zur gleichen Zeit dabei, sich einzurichten. Bei der SS -Totenkopfstandarte in Oranienburg hatte er bereits das Rüstzeug für den Job bekommen, den er jetzt ausübt. Fahren ist für ihn eines, Leichen zu verbrennen ein anderes. Aber ihn lockt Geld und die Aussicht eines sozialen Aufstiegs.

Im Schuhladen von Erich Kupfer hat nun der Angestellte Ewald das Sagen, der sich mit dem System früh arrangiert hat, ihm nahesteht. Und auch Gitte werden im Ministerium durchaus Hoffnungen für ihre Zukunft gemacht – vor allem, wenn sie in die Partei ginge. Linda jedoch ist erst noch in der Anstalt Buch, der größten Irrenanstalt im Norden Berlins. Während Gitte dabei ist, Geld für eine Emigration zu besorgen, flieht Linda nach einem Unfall des Anstaltsbusses zunächst zurück nach Berlin. Den Bus fährt Hackenholt und Linda hat ihn gleich als einen der Nazi-Kunden in Erichs Schuhgeschäft erkannt.

Unerwarteter Tod in der Pflegeanstalt

Der dritte Teil spielt 1940 und beginnt mit einem Brief der Landespflegeanstalt Brandenburg, in dem mitgeteilt wird, dass Linda „plötzlich und unerwartet an einer Hirnschwellung verstorben ist“. Linda jedoch macht sich mit einem Freund in Richtung Schweden auf. Die Gegebenheiten haben sich zwischenzeitig im wahrsten Sinne des Wortes gewaltig geändert: Nicht nur, dass an Erichs altem Schuhladen inzwischen Hakenkreuz-Wimpel am Eingang wehen…

 

Stephanie von Hayek hat mit dem Buch „Als die Tage ihr Licht verloren“ einen Roman vorgelegt, der ebenso mitreißend wie bewegend geschrieben ist. Er ist zeitgeschichtlich von großer Bedeutung, da er anhand konkreter Menschen Probleme aufzeigt, die das grauenhafte Zusammenwirken von totalitärer Herrschaft und gnadenloser Mordlust benennt.

Gepackt hat mich das Buch auch deshalb, weil es bei mir auf einen persönlichen Hintergrund trifft. Lorenz Maria Hackenholt war ein Bruder meines Nachbarn Theodor, der viele Jahre neben uns in Gelsenkirchen gewohnt hat und lange verstorben ist. Manche seiner hektischen und getrieben scheinenden Handlungen habe ich als Kind nicht wirklich verstehen können. Nach einigen Informationen, eigenen Recherchen und dem Buch von Stephanie von Hayek ist mir vieles von dem nachvollziehbarer geworden, was ihn, einen anderen Bruder und seine Schwestern wohl umgetrieben haben wird.

Das Nachwort des Buches hört auf. Die Mordaktionen von Lorenz Hackenholt sind jedoch noch weitergegangen; offensichtlich gnadenlos hat er eine grausame Spur des Todes hinterlassen: Belzec, Sobibor, Treblinka, Triest…

© Werner A. Krebber

 

Erstmals aufmerksam geworden auf die Rolle von Lorenz Maria Hackenholt bin ich durch den Gerstein-Bericht, u.a. hier zu finden: https://www.lwl.org/lmz-download/medienproduktion/booklet_gerstein.pdf

Zu Lorenz Maria Hackenholt siehe auch hier: http://www.deathcamps.org/euthanasia/hackenholtstory_de.html

Rund 500 Meter vom Elternhaus des Lorenz Hackenholt entfernt hat Anna Otto gewohnt; sie überlebte als sogenannte „Judenchristin“ das Konzentrationslager Theresienstadt. Ein Interview, das ich vor vielen Jahren mit ihr geführt habe, findet sich hier: https://wernerkrebber.wordpress.com/2016/12/16/anna-o-die-wollten-gar-nicht-dass-wir-da-ankamen/