Ein frommes Gott wohlgefälliges Werk

Utopia von Thomas Morus / Bild: Archiv

Die Kranken pflegen sie, wie ich schon gesagt habe, mit großer Hingebung und sie unterlassen nichts, wodurch sie ihnen wieder zur Gesundheit verhelfen können, sei’s durch Arzneigebrauch, sei’s durch Befolgung einer zweckmäßigen Diät.

Die an unheilbaren Krankheiten Daniederliegenden werden auf alle Weise getröstet: man wartet sie fleißig, spricht viel mit ihnen und läßt ihnen alle möglichen Linderungsmittel angedeihen.

Wenn aber die Krankheit nicht nur unheilbar ist, sondern auch Schmerzen und Pein ohne Ende verursacht, dann ergeht von den Priestern und den obrigkeitlichen Personen die Mahnung an den Betreffenden: da er allen Obliegenheiten des Lebens nicht mehr gewachsen sei, da er den andern nur zur Last falle, sich selbst unerträglich sei und seinen eigenen Tod überlebe, so möge er sich entschließen, der verpestenden Krankheit und Seuche nicht länger ein nährender Herd zu sein, und, da ihm das Leben doch nur eine einzige Qual sei, nicht zaudern, getrost zu sterben, sondern vielmehr, froher Hoffnung voll, sich entweder selbst einem so bitterschmerzlichen Leben wie einem Kerker oder einer Folter entziehen, oder willig gestatten, dass ihn andere davon befreien. Daran werde er weise handeln, da er ja durch seinen Tod um keine Wonnen des Lebens komme, sondern nur seinem Jammer entgehe; und wenn er so den Rat der Priester und der Ausleger des Willens Gottes befolge, so begehe er ein frommes, Gott wohlgefälliges Werk.

Diejenigen, die sich solchergestalt haben überreden lassen, enden ihr Leben entweder freiwillig durch Nahrungsenthaltung oder erhalten ein Schlafmittel und finden im bewusstlosen Zustande ihre Erlösung.

Gegen seinen Willen wird keinem das Leben entzogen, aber man erweist ihm darum um nichts weniger Liebesdienste; nur wird denjenigen, die in der so erlangten Überzeugung sterben, dieses als besonders ehrenvoll angerechnet.

Wenn sich dagegen einer aus einem von den Priestern und vom Senate nicht gebilligten Gründe das Leben nimmt, so wird er weder eines Begräbnisses, noch der Feuerbestattung gewürdigt, sondern sein Leichnam wird irgendwo in einen Sumpf geworfen und schimpflich unbegraben gelassen.

Thomas Morus: Utopia (1516) – 21. Krankenpflege https://www.textlog.de/34384.html

Aufblühen der Weltseele

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Wenn die innere und äußere Welt zusammentreffen und mit der Sicherheit der Liebe zusammengehalten werden können, dann wird diese jetzige Phase des Übergangs zu einem Aufblühen der Weltseele führen. Im Zentrum dieser Welt müssen Seine Liebenden als Pfeiler der Hoffnung stehen, denn sie kennen die Bedeutung der Vereinigung. Ihre Hoffnung wird die Furcht des Kollektivs ausgleichen, das sich so sehr mit der äußeren Welt identifiziert hat, dass der Gedanke der Vereinigung mit der inneren Welt den Schrecken des Unbekannten zusammen mit der Dunkelheit des Schattens hervorruft. Furcht lässt uns Schutz im Ego suchen, während Hoffnung uns für die Seele öffnet. Furcht betont die Polarisierung, Hoffnung fügt uns zusammen. Hoffnung gibt der Zukunft Raum zur Entfaltung.

Llewellyn Vaughan-Lee (* 1953) in: Der Liebesbund. Psychologische und spirituelle Aspekte des mystischen Weges. Interlaken 1993, S. 57

Idiot…

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Jeder, der an sich selbst
zu arbeiten beschließt,
ist ein Idiot in beiden Bedeutungen.

Die Weisen wissen,
dass er nach der Wirklichkeit sucht.
Die Törichten denken,
er habe den Verstand verloren.

John G. Bennett (1897 – 1974)

 

Beim Läuten der Glocken

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Das Schöne bewundern,
das Wahre behüten,
das Edle verehren,
das Gute beschließen.

Es führet den Menschen
im Leben zu Zielen,
im Handeln zum Rechten,
im Fühlen zum Frieden,
im Denken zum Lichte;

und lehrt ihn vertrauen
auf göttliches Walten
in allem, was ist,
im Weltenall,
im Seelengrund.

Rudolf Steiner (1861 – 1925)

Grenzen durchbrechen

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Was will die große Masse des Publikums mit solchen Büchern, Vorträgen, Vorführungen und Sitzungen? – Die Grenzen durchbrechen, die unsere sichtbare Welt von einer dahinter liegenden unsichtbaren trennt; denn die Überzeugung oder wenigstens das dunkle Gefühl, dass es eine solche Welt gibt, ist aus dem Bewusstsein der Menschheit, auch in den Zeiten des Materialismus und der sogenannten „Aufklärung“, niemals ganz verschwunden, beruhen ja doch auf dem „metaphysischen Bedürfnis“, wie es Schopenhauer nennt, alle Reliionen und viele philosophischen Systeme. – Ein Durchbrechen dieser Grenze ist sicher möglich. Es fragt sich nur, wo und wie man sie durchbricht.

Felix Weingartner, aus dem Buch Bo Yin Ra / Text auf der Rückseite des aktuellen Bandes der „Magischen Blätter“

MAGISCHE BLÄTTER BUCH IV
CI. JAHRGANG WINTER 2020 / 2021
4. Quartalsausgabe November, Dezember, Januar
gebunden. ISBN-Nr. 978-3-948594-04-6

HEFT 10 | November 2020
TITELTHEMA: JACOB BÖHME

https://verlagmagischeblaetter.eu/monatsschrift/magische-blaetter

Bestellt werden können die Magischen Blätter hier: kontakt@verlagmagischeblaetter.eu

Die Utopie sind wir selber

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Man beklagt seit dem Zusammenbruch des Kommunismus und dem Fall der Mauer, eigentlich seit Auschwitz und Hiroshima, den Verlust der Utopien. Das ist lächerlich.

Schütteln wir schnell ein paar Utopien aus dem Ärmel – oder, noch einfacher: nehmen wir die, die ohnehin auf dem Tisch liegen: Eine Welt ohne Krieg. Eine Menschheit, die als Lenker und Bewahrer der ganzen Schöpfung agiert. Ein Planet, der nicht durch die zivilisatorische Mega-Maschine aufgefressen, vergiftet und asphaltiert wird. Eine Welt, in der die Menschenrecht überall geachtet werden.

Eine Welt, in der nicht mehr weltweit 24 Kinder pro Minute sterben. Eine Welt, die keinen Hunger kennt und keine Gewalt gegen Kinder und Frauen. Nicht zu vergessen die eine, die große Utopie, die im Mittelpunkt aller uns bekannten Utopien steht: diese Utopie sind wir selber, der Mensch und sein inneres Universum.

Ronald Steckel (* 1945) in: Die große Utopie. Text im Katalog für das Kolloquium für GEISTbewegenden Film, November 2008 / Sector 16 e.V., Hannover – http://www.sector16.de/

 

Zweierlei Menschen ohne Sorgen

 

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Am Rade des Daseins,
das ewig sich dreht,
sind zweierlei Menschen
ohne Sorgen.
Jene, die alle Geheimnisse der Welt kennen
und jene, die keinerlei Ahnung von ihnen haben.
Leider müssen wir erkennen,
dass wir der der einen
noch der anderen Kategorie angehören.

Omar Khayyam (1048 – 1131)

Rücksichtsvoll…

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Spazieren an der Ruhr zwischen Werden und Kettwig. Die Sonne scheint auf die herbstlich verfärbten Bäume. Ruhig fließt die Ruhr kaum sichtbar, Radfahrer überholen mal schneller mal langsamer. Ein Radfahrer überholt uns, blickt in den Rückspiegel seines Rades und bleibt stehen. „Ich hab eine Frage“, spricht er meine Frau und mich an. „War die Musik zu laut oder war das moderat?“ – Beide sagen ihm, dass sie sehr angemessen gewesen war und uns nicht störte. Da meint er: „Ich will nicht zu den Idioten gehören, die die ganze Umgebung beschallen!“ – Solche Rücksicht habe ich sehr lange nicht erlebt. Respekt! ~ w.a.k.

Editorial „Mystik aktuell“ / November 2020

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„Wann, wenn nicht Jetzt“ heißt es im Untertitel des Blogs „Mystik aktuell“. Ganz so, wie es Sosan um 600 formuliert hat: „Der Weg ist jenseits von Sprache, denn auf ihm gibt es kein Gestern, kein Morgen, kein Heute.“

Auf dem sprituellen Weg können Texte aus der mystischen Tradition wie aus der Gegenwart Begleiter sein, die eigene Verortung neu zu buchstabieren oder zu vertiefen. Dabei greife ich für den Blog  „Mystik aktuell“ auf Quellen zurück, die weit über die eigene spirituelle Herkunft hinausgehen und interreligiös, interspirituell, interkulturell neue Zugänge ermöglichen können. Stammen sie geographisch, kulturell oder spirituell auch von weit her, so können sie Anstoß, Anregung, Ansprache sein – immer neu sind sie danach zu befragen, welche Bedeutung sie für jede/n Einzelne/n haben. Jetzt.

Als 1923 Predigten von Johannes Tauler neu herausgegeben wurden, schrieb Walter Lehmann im Vorwort: „Die Mystik ist der großartigste Versuch, die Religion an sich zu finden. Und was ist die religiöse Sehnsucht unserer Tage? Die Religion zu finden, die keiner Konfession, keiner Dogmen, keiner heiligen Stätten, Priester und Handlungen, keiner Symbole, keiner Formen und Kulte, keiner Historie bedarf, sondern autonom in der Seele lebt. Die da hinein gebannt sind in die Massenreligion der Bevormundung, sehnen sich nach der Religion ihrer eigenen Seele …“

Ganz in diesem Sinn gilt der Satz von Sosan: Wann, wenn nicht Jetzt.

Werner Anahata Krebber im November 2020

Mehr – täglich aktuell – hier: https://mystikaktuell.wordpress.com/