„Was für ein schöner Sonntag“

„Was für ein schöner Sonntag“. Als Joachim Gauck gestern nach seiner Wahl zum Bundespräsidenten diesen Satz an den Anfang seiner Rede stellte, bin ich zusammengezuckt. Es hat seine Gründe.

„Was für ein schöner Sonntag“. Unter diesem Titel hat Jorge Semprun seine Erfahrungen im KZ Buchenwald nahe Weimar literarisch verarbeitet. Ein näherer Blick lohnt:

„Winter 1944. Ein Sonntag im Konzentrationslager Buchenwald, wenige Kilometer von Weimar entfernt. Der Häftling No. 44904 (S) alias Gérard alias Jorge Semprun steht bewundernd vor einer riesigen alleinstehenden Buche und verliert sich für Augenblicke in Träumen und literarischen Reminiszenzen: Hier war Goethe mit Eckermann spazierengegangen, hier hatte er »Wanderers Nachtlied« verfaßt. Aber ein SS-Unteroffizier zerrt ihn unvermittelt wieder in die Wirklichkeit zurück, in sein Leben als KZ-Häftling. Minuziös beschreibt Semprun den Tagesablauf, die geheime kommunistische Lagerorganisation, die Spannungen zwischen den einzelnen Nationalitäten, die Konflikte mit der SS, die den Arbeitseinsatz organisiert. Jeder Häftling kennt die wichtigsten deutschen Worte: Scheiße, Arbeit, Brot. Semprun, der junge Mann aus dem Madrider Großbürgertum, der eine deutsche Gouvernante hatte, gehört zu den wenigen, die fließend deutsch sprechen, er ist, auch sprachlich gesehen, ein Privilegierter, kein Prolet, sondern ein Intellektueller aus reichem Haus, seine »Genossen« lassen ihn das fühlen. Der Erfahrungsbericht eines KZ-Häftlings weitet sich aus zu einem autobiographischen Gesamtporträt, in seiner Erinnerung werden die verschiedensten Lebensabschnitte, Begebenheiten und Begegnungen wieder lebendig: die Emigration, das Studium an der Sorbonne, sein Engagement als Widerstandkämpfer, die Verhaftung und Deportation, die heimlichen Reisen nach Genf und Prag, Ostberlin und in die Sowjetunion, Anfang der sechziger Jahre, die Ferien auf der Krim im Kreise wichtiger Funktionäre, die Diskussionen mit kritischen Kommunisten wie Adam Schaff, die Auseinandersetzungen mit Carillo, dem heutigen Generalsekretär der spanischen KP. Später die Schauprozesse in Prag, wo auch Mithäftlinge aus dem KZ verurteilt werden. Semprun, bis 1964 Mitglied des Politbüros, analysiert die Erniedrigung überzeugter Kommunisten zu bloßen Befehlsempfängern, denen selbständiges Denken untersagt wird. …

Was für ein schöner Sonntag ist ein zeitgeschichtliches Dokument, eine poetische Autobiographie und gleichzeitig die sehr persönliche, leidenschaftliche, oft sehr ironische und bittere Auseinandersetzung des »Renegaten« Semprun mit dem Kommunismus. Er hat, eigenen Worten zufolge, zweimal überlebt: zum einen das Nazi-Konzentrationslager, zum anderen den ideologischen Terror des Stalinismus“

http://www.suhrkamp.de/buecher/was_fuer_ein_schoener_sonntag_-jorge_semprun_4243.html

 

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