Keine Vögel über Buchenwald

Ich erinnere genau. Ich stehe in Buchenwald, unterhalb der Blutstraße, unterhalb des Mahnmals, dort, wo die tiefen Gräbergruben sind. Mein Blick wird nach oben gerichtet, weil ich eine Bewegung wahrnehme. Über Buchenwald fliegen Wildgänse. Wildgänse über Buchenwald – welch ein Anachronismus. Ich versetze mich zurück in jene Zeit, als das Konzentrationslager noch Teil der NS-Diktatur war und stelle mir vor, dass Gefangene hier stehen, nach oben sehen und eine Gruppe ziehende Wildgänse sehen. Doch so war es nicht, konnte es nicht gewesen sein. Das habe ich gestern abend in Jorge Sempruns „Schreiben oder Leben“ wiederentdeckt. Über den Ettersberg oberhalb von Weimar flogen keine Vögel mehr. Der Gestank des Rauchs aus dem Krematorium hatte sie vertrieben. „Das Krematorium arbeitet seit gestern nicht mehr, sage ich zu ihnen. Nie mehr Rauch über dem Land. Die Vögel werden vielleicht zurückkommen“, schreibt Semprun, der damals Gefangener in Buchenwald war. Heute sind die Vögel zurück.

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